Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der
Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und
geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen
verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt
daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern,
von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit
kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

Ökologie gegen Kapital

Wie schon mehrfach auf dieser Seite betont hat die drohende ökologische Katastrophe – getrieben durch die Fridays for Future Bewegung – endlich einen gebührenden Platz innerhalb der gesellschaftlichen Debatte. Nicht nur Teile der Schülerbewegung, auch einige brillante Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sind dabei längst auf des Pudels Kern gestossen. Nehmen wir beispielhaft Prof. Maja Göpel, die spätestens seit Rezo bekannte Frontfrau von Scientists for Future, oder Michael Succow, den alternativen Nobelpreisträger und „Wanderprediger für den Naturschutz“. Beiden muss man nicht lange zuhören, um zu merken, dass sie genau wissen, was das eigentliche Problem für einen nachhaltigen Klima- und Naturschutz ist: unser profitgetriebenes Wirtschaftssystem1)z.B. Video von Michael Succow und Video von Maja Göpel bei You Tube.

So erfreulich es ist, dass das kapitalistische Wachstumsstreben endlich als Grundproblem erkannt ist, so wenig reicht es, bei dieser Erkenntnis stehen zu bleiben. Vielmehr kann diese Erkenntnis nur Ausgangspunkt weiterer Fragestellungen sein. Wo liegen die Wurzeln des Wachstumszwangs? Und warum ist bereits das Wort „Nachhaltigkeit“ in diesem Wirtschaftssystem ein Hohn, wenn wir nicht ganz direkt die Wurzeln des Wachstumszwangs anpacken?

Wer aber diese Fragen stellt, kommt an Karl Marx und dessen brillianter Kapitalismusanalyse nicht vorbei. Doch leider ist die Behauptung, Karl Marx‘ Kapitalismuskritik hätte bezüglich der ökologischen Frage einen blinden Fleck, noch immer weit verbreitet. Kohei Saito tritt diesem Missverständnis in seiner Promotion und dem daraus entstandenen Buch „Natur gegen Kapital“2)„Natur gegen Kapital. Marx‘ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus (Frankfurt/M. 2016, Campus)“ konsequent entgegen. Allerdings merkt man seinem Buch der Form nach auf jeder Seite an, dass es im Rahmen der bürgerlichen Geisteswissenschaften verfasst wurde. Es ist deshalb nicht immer leicht zu lesen und (leider) kein kapitalismus-kritisches Handbuch für den Umweltaktivisten. Trotzdem ist es grossartig, dass die Ergebnisse und Erkenntnisse von Saito nun in Buchform vorliegen. Dieser Artikel folgt stark Saitos geballter Marx-Zusammenfassung bezüglich der Ökologie. Dabei muss man sich „nur“ die Mühe machen, die verstreuten Aussagen bei Marx zu sammeln und zu ordnen3)Dieser Artikel folgt stark Saitos geballter Marx-Zusammenfassung bezüglich der Ökologie.. Wer dies tut, wird sehen, dass Marx Gedanken zur Ökologie sowohl systematisch als auch grundsätzlich angelegt sind. Wir versuchen es an dieser Stelle mit einer komprimierten Darstellung:

Waren

Grundlegend für die bürgerliche Gesellschaft ist, dass die Mehrheit der Menschen – die Lohnabhängigen – die Produktionsbedingungen nicht mehr besitzen, also der Bearbeitung der Natur fremd gegenüberstehen. Gleichzeitig interessiert die Eigentümer der Produktionsbedingungen die Natur nur als Mittel, Gewinn zu machen. Und weil es ihr Eigentum ist, hat ihnen die Gesellschaft nicht reinzureden in ihren egoistischen Umgang mit der Natur.
Alles – also auch die Natur – wird zur Ware und dient dem Besitzer nur noch zur Geldgewinnung. Der Gebrauch interessiert nicht die Besitzer, sondern die Konsumenten, die möglichst wenig für den Erwerb der Ware ausgeben wollen. Alles wird nur noch nach dem zu seinem Erwerb zu verausgabenden Zeitaufwand bewertet. Wie die Produktion der Waren konkret erfolgt, wie die Arbeit dabei verausgabt wird, wie die Produktionsmittel – darunter auch die Natur – verbraucht werden, welche Energie benötigt wird und was an Abfall anfällt, wird nur noch an Kosten gemessen, die dem individuellen Warenbesitzer anheimfallen.

Gewinnvergrößerung

Dabei geht es den Entscheidern über die Produktion darum, möglichst viel Gewinn anzuhäufen, um diesen neu anzulegen für weitere maximale Gewinnanhäufung. Im Vordergrund steht die Quantität, die Anzahl, die Masse. Qualität ist nur wichtig, soweit sie das Anhäufen von immer mehr bedingt. Das Gewinnstreben ist maßlos, damit muss die Produktion maßlos werden und mit der Produktion auch der Konsum. Möglichst viel muss möglichst billig und schnell hergestellt und verbraucht werden, damit wieder möglichst viel möglichst billig produziert werden kann. Die qualitativen Folgen dieser Kreislaufspirale, die Kosten dieser Maßlosigkeit fallen nicht für die Verkäufer und Käufer der Warenmasse an. Spüren müssen es die Arbeitenden am Lohn- und Zeitdruck und die Umwelt als Abfallgrube der bürgerlichen Gesellschaft.

Soweit die Natur nichts kostet, wird sie rücksichtslos verbraucht. Produziert wird ohne Rücksicht auf die Folgen für die Umwelt. Es geht nicht um gutes Arbeiten für die Arbeitenden, um schonenden Umgang mit den Produktionsmitteln und Ressourcen. Es geht um rücksichtslose Produktivitätssteigerungen. Die Natur wird, soweit sie kein Kostenfaktor ist, vergessen.

Landwirtschaft

Am deutlichsten offenbart sich dies in der Landwirtschaft. Hier setzt die Natur der Ausbeutung Grenzen, die Ausbeute steigt nicht gleichmäßig mit dem Arbeitseinsatz. Schlimmer noch, der Ertrag kann sogar sinken, wenn man den Böden nicht Ersatz für die verbrauchten Ressourcen gibt. Gegen den Raubbau helfen Künstdünger und andere künstliche Mittel nur kurzfristig, da sie die natürlichen Kreisläufe stören, langfristig also mehr Schaden anrichten.

Dabei macht es keinen großen Unterschied, ob Großgrundbesitzer oder Kleinbauern Waren für den Gewinn herstellen müssen. Beide sind abhängig von den Preisen und ihren Schwankungen, beide müssen den Gewinn schnell einstreichen, um die Gunst der Stunde zu nutzen und was den einen an Technik und Naturwissenschaft fehlt, setzen die anderen um so rücksichtsloser ein, um am Markt zu bestehen. Die mangelnde Rücksicht auf Tierwohl und Pflanzenschutz schmecken dann die Verbraucher. Wie das schnelle und günstige Auf-den Markt-Werfen schadet, sieht man z.B. an der Waldbewirtschaftung, die langfristig geplant werden muss.

Stadt und Land

Die Trennung von Stadt und Land – eine Folge der Trennung der Arbeitenden von ihren Arbeitsbedingungen durch das kapitalistische Eigentum – unterbricht gar den Kreislauf der Natur. Die natürlichen Dünger der Landwirtschaft enden als Wasserverschmutzung in den Städten. Das Leben der Stadt- wie der Landbewohner wird einseitig und ungesund. Unkosten entstehen durch lange Wege, Wohnraummangel dort und Leerstand hier.

Die Maßlosigkeit des Mehr und Mehr verbreitet alle diese Übel rund um den Globus. Der Gegensatz von Stadt und Land wird zum Gegensatz von Agrar-, Industrie- und Dienstleistungsländern. Sie konkurrieren um die billigsten Rohstoffe, die billigsten Arbeiten und die billigsten Produkte. Die mit dem entwickelsten Kapital zwingen den anderen ihre Bedingungen auf und zerstören traditionelle, nachhaltige Wirtschaftsweisen. Im besten Fall bekommen diese im Tausch die moderne Warenwirtschaft mit ihren Folgen. Als nachholende Nachahmer muss das möglichst schnell geschehen, sonst bleibt man auf der Strecke. Es gibt Gewinner wie China und Verlierer wie Russland. Natur und Lohnabhängige aber verlieren in beiden Fällen.

Scheinlösungen

Wie sich früher schon die Grundbesitzer als Ökologen aufspielten, um ihre Vorrechte zu schützen und Hilfen von der Gesellschaft einzusacken, so werden auch heute plötzlich alle Unternehmer zu Umweltschützern. Energieunternehmen, Autohersteller, Chemiefabrikanten, Dienstleister – alle müssen gefördert und geschont werden. Zahlen werden die Lohnabhängigen – in der Arbeit und als Verbraucher. Nicht an der Wurzel – der Produktion für immer mehr Gewin -, sondern an den Stellschräubchen der Folgekosten wird ein bisschen gedreht, siehe CO-2-Steuer.

Doch das wird die Probleme nicht lösen. Die Gewinnmaximierung ist maßlos, die Natur endlich, die Warenproduktion kennt nur das billig und schnell, die Natur hat eigne Gesetze in langfristigen Kreisläufen.

Guter Wille allein hilft auch nicht weiter, denn Warengesellschaft bedeutet Konkurrenz. Die inneren Gesetze der maßosen Gewinnschöpfung zwingen sich den Marktteilnehmer als äußere Zwänge auf. Wer nicht mitspielt, bleibt zurück und geht zugrunde. Wer sich verweigert, geht pleite – Geschäfts- oder Privatkonkurs. Und auch der Staat ist inzwischen Marktteilnehmer, ist abhängig von der Konkurrenzfähigkeit seiner Untertanen, muss haushalten und gewinnen, um die Gesellschaft am Laufen halten zu können.

Während unsere Tätigkeit unfrei ist, immer mehr Zwängen unterliegt, baut sich uns gegenüber eine riesige Welt des Reichtums auf, Dinge, die man besitzen muss, Freiheitsversprechen. Um dabei zu sein, muss man sich anpassen, das Handeln, das Denken, das Fühlen – survival of the fittest. Sehnsucht nach der guten alten Zeit – wirklich leisten können sich diesen Luxus nur wenige, Romantik für die vielen gubt es nur als schalen Trost wie z. B. die Religion .

Umwälzung

Wirklich befreiend ist ein Bewusstsein darüber, dass sich die Grundlagen der Gesellschaft ändern müssen, dass man raus muss aus dem Teufelkreis der Warenmassen, dass eine neue Gesellschaft notwendig und möglich ist. Eine Gesellschaft, in der die Erde kein Eigentum ist, sondern von der Gesellschaft verantwortlich genutzt wird, in der die Qualität in der Arbeit und im Genuß regiert, in der der wahre Reichtum jenseits der Produktion des Notwendigen in freier Zeit besteht und in der der Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur die Naturgesetze zur Pfege einer schönen Umwelt nutzt. Ein nachhaltiges Bewusstsein, aus dem wirklich nachhaltiges Handeln entspringt.

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1. z.B. Video von Michael Succow und Video von Maja Göpel bei You Tube
2. „Natur gegen Kapital. Marx‘ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus (Frankfurt/M. 2016, Campus)“
3. Dieser Artikel folgt stark Saitos geballter Marx-Zusammenfassung bezüglich der Ökologie.

assoziation.info September '19