Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der
Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und
geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen
verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt
daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern,
von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit
kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

Klaus Winter: Monopolkapitalismus und Finanzkapital

Die Schrift Monopolkapitalismus und Finanzkapital erschien zunächst 1987 in „Aufsätze zur Diskussion“ (AzD) Nummer 39 und tauchte – vollkommen zu Recht – in den letzten Jahren hier und da im Internet auf.

Warum zurecht? Klaus Winter kritisiert darin vortrefflich die Theorie von monopolistischem Kapitalismus und Finanzkapital, wie Lenin sie in seiner Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus 1916 (veröffentlicht 1917) ausgearbeitet hat. Winter weist nach, dass Lenin mit seiner im wesentlichen beim Sozialdemokraten Rudolf Hilferding abgekupferten Theorie, der Kapitalismusanalyse von Karl Marx widerspricht. Zwar berufen sich Lenin wie Hilferding auf Marx, verwickeln sich dabei aber in theoretische Widersprüche mit fatalen Konsequenzen. Dementsprechend hart fällt Winters Urteil aus:

Wesentliche Züge des monopolkapitalistischen Stadiums – Allmacht der Monopole, Beschneidung der objektiven Gesetze, bewußte Regelung der Produktion trotz privater Aneignung – sind die Kehrseite dieser inhaltslosen, nur negativen Auffassung der freien Konkurrenz. Im Begriff des Finanzkapitals – der Banken, die zu allmächtigen Monopolinhabern angewachsen sind und über die gesamtgesellschaftliche Produktion in zunehmenden Maße verfügen – gewinnt dieses fehlerhafte Verständnis seinen zusammenfassenden Ausdruck. Es ist darin offensichtlich eingeschlossen, daß diese »Art neue Gesellschaftsordnung« kein Kapitalismus mehr ist. Ebenso offensichtlich ist es, daß Lenin damit in zentralen Punkten die Theorie Hilferdings in eigenen Worten wiedergibt.

[…]

Die Leninsche Theorie des Monopolkapitalismus ist nicht nur mit der Marxschen ökonomischen Theorie nicht vereinbar, ihr liegt auch keine hinreichende Untersuchung der Realität zugrunde. Man wird bei der notwendigen Untersuchung der ökonomischen Verhältnisse des 19./20. Jahrhunderts – speziell des Imperialismus – genau das tun müssen, was Lenin nicht gelungen ist. Man wird vom Marxschen »Kapital« ausgehen und auf diesem Boden eine konkrete Untersuchung der historischen Wirklichkeit vornehmen müssen, die die Besonderheiten der verschiedenen kapitalistischen Länder berücksichtigt.“ (Klaus Winter)

Auch wenn die Erstveröffentlichung der Schrift bald 30 Jahre zurückliegt, ist sie (leider) nach wie vor aktuell. Zwar sind Linke, die sich auf einen kanonisierten Marxismus-Leninismus und Lenins Imperialismusschrift (Partei-, Staats- und Monopoltheorie) berufen in Deutschland mittlerweile eher rar gesät. Doch unübersehbar wirkt deren Geist auch in allen neueren Erzählungen vom Neoliberalismus nach, der oft in einem Atemzug mit dem ‚Finanzkapital‘ oder der ‚Bankenmacht‘ daherkommt. In weiten Teilen der Linken und sogar über diese hinaus, ist es beliebt, ‚die Finanzoligarchie‘, ‚den Finanzmarkt‘, ‚ein Monopol‘ oder ähnliches zu beschwören, welche die ’normale Wirtschaft‘ im Griff hätten. Gegen eine solche verkürzte Kapitalismuskritik halten wir es für wesentlich, dass Kapital als gesellschaftliches Verhältnis zu begreifen. Denn nur wenn dies verstanden ist, kann es gelingen, dass Kapital in einer gesellschaftlichen Umwälzung zu überwinden, sprich aufzuheben.

Monopolkapitalismus und Finanzkapital 

assoziation.info August '19