Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

Gelbwesten – CO2-Steuer als ‚Bestrafungs-Ökologie‘

Der Zusammenhang von ökologischen und sozialen Problemen und ihr Zusammenfallen in einer sozial-ökologischen Katastrophe wird in Frankreich deutlicher gesehen als hierzulande. Dies kann an der Entwicklung der Bewegung der Gelbwesten deutlich gezeigt werden. Zwar sind die ‚Gilets Jaunes‘ Ende 2018 aus dem Protest gegen eine Benzinsteuererhöhung entstanden, die die Regierung mit ökologischen Argumenten begründete, dies war aber nicht gleichbedeutend mit der generellen Ablehnung ökologischer Maßnahmen. Tatsächlich setzte sich die Mehrheit der Protestierenden aus Menschen zusammen, deren finanzielle Situation so schlecht war, dass auch kleine Steuererhöhungen bereits an die Substanz gingen. Sie prangerten deshalb hauptsächlich Armut und soziale Verwerfungen an, sowie die Dekadenz und den Luxus der Herrschenden. Ihr Frust entlud sich nicht zufällig auf der Prachtstraße des Landes, dem Champs-Élysées und den teuren pariser Modeboutiquen. Sie stellten sich, anders als in Deutschland oft kolportiert, in ihrer Mehrheit aber nicht gegen Klimaschutzmaßnahmen, sondern warfen die berechtigte Frage auf, wer diese finanzieren soll. Schnell hieß es aus den Reihen der Gelbwesten: „Wir sind uns des Umweltnotstands bewusst und erklären: »Ende der Welt, Ende des Monats – dieselbe Logik, derselbe Kampf«.“ Das „Ende des Monats“ ist dabei eine im französischen feststehende Redewendung, welche zum Ausdruck bringt, dass zum Monatsende das Geld knapp wird.

Wie deutlich der Zusammenhang von ökologischen und sozialen Belangen gesehen wurde, zeigte sich auf der zweiten „Versammlung der Versammlungen der Gelbwesten“ in Saint-Nazaire, die vor genau zwei Jahren vom 05. bis zum 07. April 2019 stattfand. An dieser nahmen rund 700 Menschen teil, die sich aus ca. 250 Delegationen von lokalen Gelbwesten-Gruppen zusammensetzten. Auf der Versammlung wurden mehrere Aufrufe erarbeitet. In diesen hieß es z.B.: „Wir laden alle, die den Ausverkauf des Lebens beenden wollen, dazu ein, Auseinandersetzungen mit dem gegenwärtigen System zu führen, um gemeinsam, mit allen notwendigen Mitteln, eine neue soziale und ökologische Massenbewegung zu schaffen. Die Vervielfachung der gegenwärtigen Kämpfe erfordert den Aufbau einer Aktionseinheit. Wir rufen dazu auf, überall für die Erfüllung unserer sozialen, steuerlichen, ökologischen und demokratischen Forderungen gemeinsam zu kämpfen.
In dem Bewusstsein, dass wir ein globales System bekämpfen müssen, halten wir es für notwendig, den Kapitalismus zu überwinden.“

In der Praxis kam es in der Folge des Öfteren zum Zusammengehen von Klimademonstrationen und Gelbwesten-Protesten. Die inhaltliche Schnittmenge wurde am deutlichsten im „Aufruf zum Zusammenschluss für die Ökologie“ formuliert, der ebenfalls auf der „Versammlung der Versammlungen“ im April 2019 formuliert wurde und nachstehend dokumentiert wird:

Aufruf zum Zusammenschluss für die Ökologie

Dieser Aufruf wird den Gelbwesten-Gruppen – Versammlungen an Kreisverkehren und lokalen Versammlungen – zur Bestätigung, Änderung oder Ablehnung vorgelegt. Die Entscheidungen werden veröffentlicht.

Die Versammlung der Gelbwesten-Versammlungen nimmt den ökologischen, sozialen und demokratischen Notstand wahr. Es ist die gleiche Logik der unendlichen Ausbeutung durch den Kapitalismus, die Menschen und das Leben auf der Erde zerstört.

Die Begrenzung der Ressourcen zwingt uns, die Frage nach ihrer Verteilung und der Kontrolle der Produktion zu stellen. Der Klimawandel, der Zusammenbruch der biologischen Vielfalt und die atomare Bedrohung sind Bedrohungen für unsere Zukunft.

Gemeinschaftsgüter (Wasser, Luft, Boden, Recht auf eine gesunde Umwelt) dürfen nicht zu Waren werden.

Die CO2-Steuer ist ein perfektes Beispiel für die falsche Bestrafungs-Ökologie, die sich gegen dafür nicht verantwortliche Menschen richtet. Es gibt jedoch Verantwortliche und Umweltverschmutzer, gegen die wir durch koordinierte Maßnahmen direkt vorgehen können.

Die Gelbwesten laden alle, die der Plünderung aller Lebensformen ein Ende setzen wollen, dazu ein, Auseinandersetzungen mit dem gegenwärtigen System zu führen, um gemeinsam, mit allen notwendigen Mitteln, eine neue soziale, ökologische Bürgerbewegung zu schaffen. Empörung reicht nicht mehr aus, wir müssen handeln.

Der blaue Planet braucht die gelbe Farbe, um grün zu bleiben!

(7.4.2019, Alle Zitate und die Übersetzung von Sand im Getriebe. Die Zitate und weitere Übersetzungen ins Deutsche der „Versammlung der Versammlungen“ finden sich unter: https://www.attac.de/uploads/media/sig_SN_Frankreich_-_Erster_Mai_2019_end.pdf)

Eine gute Einführung, bzw. ein guter Überblick zu den Gelbwesten bietet der kleine Sammelband: Gilets Jaunes. Anatomie einer ungewöhnlichen sozialen Bewegung. Herausgeber Peter Wahl, PapyRossa 2019.

assoziation.info April '21