{"id":142,"date":"2019-05-24T18:27:09","date_gmt":"2019-05-24T18:27:09","guid":{"rendered":"http:\/\/assoziation.info\/?p=142"},"modified":"2020-02-19T20:36:26","modified_gmt":"2020-02-19T20:36:26","slug":"enteignen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/assoziation.info\/?p=142","title":{"rendered":"Enteignen"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Deutsche Wohnen &amp; Co enteignen&#8220; &#8211; Der Ruf nach Eingriffen in die herrschende Eigentumsordnung wird lauter. Und das ist gut so. Denn wer ernsthaft gegen die sozialen (und \u00f6kologischen etc.) Verwerfungen in dieser Gesellschaft vorgehen will, wird zwangsl\u00e4ufig auf die Eigentumsfrage als DIE Kernfrage sto\u00dfen. Und wo deshalb, wie grade in Berlin, die Enteignung von Wohnungs- oder anderen Unternehmen gefordert wird, sind solche Bestrebungen unbedingt zu unterst\u00fctzen. Hierbei geht es um nichts weniger als unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen: Wem sollen die Fabriken, H\u00e4user usw. geh\u00f6ren?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob diese Frage mit dem oben genannten &#8222;Volksbegehren&#8220; f\u00fcr die Enteignung der Immobiliengesellschaft &#8218;Deutsche Wohnen&#8216; ausreichend beantwortet ist, ist etwas anderes. Auch wenn laut einer bundesweiten Umfragen eine Mehrheit der Bev\u00f6lkerung Enteignungen noch ablehnend gegen\u00fcber steht, muss man zuerst einmal festhalten, dass die realen Probleme auf dem Wohnungsmarkt (und keine idealistischen \u00dcberlegungen) diese Frage auf die Tagesordnung gebracht haben &#8211; und zwar dort, wo die Problematik am gr\u00f6\u00dften ist. Mietsteigerungen, Verdr\u00e4ngung, Zwangsr\u00e4umungen, Obdachlosigkeit\u2026 die Fakten sind bekannt. Deren Versch\u00e4rfung durch Bev\u00f6lkerungswachstum im Zusammenspiel mit einer gesteigerten Profitmaximierung von Wohnungsunternehmen, wie in allen deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten, haben zu dem &#8222;Volksbegehren&#8220; gef\u00fchrt &#8211; weshalb es in Berlin eben auch eine Mehrheit f\u00fcr die Enteignung gibt! Menschen, die bis vor kurzem jede Form von Enteignung ablehnten, unterschreiben auf einmal f\u00fcr das Volksbegehren!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Markt wird es schon richten\u2026<\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2026 oder auch nicht. Grade im Bereich Wohnimmobilien hat der Staat seit Bestehen der Bundesrepublik kr\u00e4ftig mitgemischt. Seit Adenauer sollten Eigenheime der Proletarisierung entgegenwirken und das &#8222;Familienheim mit Garten&#8220; den (christlichen) Familiengedanken f\u00f6rdern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Berlin ging es weniger um Eigenheime und Familienpolitik, nichtsdestotrotz hat der Staat dort, vor allem im Bereich des sozialen Wohnungsbaus, bis zum Ende des letzten Jahrhunderts aktiv eingegriffen. Wenn er das nicht tat, waren die sozialen Folgen meisten wenig positiv f\u00fcr die Mieter*Innen, wie die letzten 25 Jahre zeigen. Auch wenn die Steuerungsm\u00f6glichkeiten des Staates begrenzt sind (aktuell z.B. die Wirkungslosigkeit der Mietpreisbremse), die Marktlogik, Profit vor Bed\u00fcrfnis, f\u00fchrt nicht automatisch zu einem besseren Ergebnis. Grade in einer wachsenden Stadt f\u00fchrt sie zuerst zur Verdr\u00e4ngung weniger zahlungskr\u00e4ftiger Mieter*Innen als zum versprochenen Neubau bezahlbarer Wohnungen! Und diesen hatte ja in der Vergangenheit der Staat nicht alleine dem Markt \u00fcberlassen. Der Markt &#8222;funktioniert&#8220; also nicht bzw. funktioniert er nur f\u00fcr einen Teil der Marktteilnehmer.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Deutsche Wohnen und Co<\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb ist, auch von vielen direkt Betroffenen des Berliner Wohnungsmarktes, dieses &#8222;Volksbegehren&#8220; initiiert worden. Der &#8222;nicht funktionierende&#8220; Wohnungsmarkt soll jetzt etwas eingeschr\u00e4nkt werden, indem ein gro\u00dfer Marktteilnehmer in ein gemeinn\u00fctziges \u00f6ffentliches Unternehmen \u00fcberf\u00fchrt wird. Noch immer sieht eine Mehrheit den Staat in der Pflicht, wie eine Umfrage im Auftrag der ZEIT zeigt: &gt;&gt;84 Prozent der Befragten [in ganz Deutschland] verlangen vom Staat, daf\u00fcr zur sorgen, &#8222;dass die Mieten vor\u00fcbergehend nicht st\u00e4rker steigen als die Inflation&#8220;. &#8222;Preissteigerungen bei Mieterwechsel durch die Mietpreisbremse st\u00e4rker zu begrenzen und kontrollieren&#8220; halten 80 Prozent f\u00fcr &#8222;sehr gut&#8220; oder &#8222;gut&#8220;.&lt;&lt;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber worum konkret geht es diesem &#8222;Volksbegehren&#8220;? Wohnungsgesellschaften mit mehr als 3000 Wohnungen sollen enteignet und in Anstalten \u00f6ffentlichen Rechts \u00fcberf\u00fchrt werden, die durch eine &#8222;mehrheitlich demokratische Beteiligung von Stadtgesellschaft und Mieter*innen verwaltet&#8220; werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die wichtigsten genannten Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind (siehe <a href=\"https:\/\/www.dwenteignen.de\/warum-enteignen\/\">https:\/\/www.dwenteignen.de\/warum-enteignen\/<\/a>):<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<ul class=\"wp-block-list\">\r\n<li>Deutsche Wohnen und andere Gesellschaften verfolgen &#8222;eine Strategie der Mietpreissteigerung um jeden Preis&#8220;<\/li>\r\n<li>&#8222;Insbesondere die\u00a0Deutsche Wohnen, das f\u00fchrende Unternehmen im Berliner Immobilienmarkt,\u00a0[besitzt] eine marktbestimmende Stellung&#8220;\u00a0<\/li>\r\n<li>&#8222;Die Ausw\u00fcchse gegen Mieter in ihrer Gesamtheit\u00a0keine tragischen Einzelf\u00e4lle\u00a0darstellen, sondern vielmehr Ausdruck eines\u00a0strukturellen Problems\u00a0einer rein profitorientierten Wohnraumbewirtschaftung sind. Dabei nehmen die f\u00fchrenden Immobilienunternehmen aufgrund ihrer Gr\u00f6\u00dfe eine marktbeherrschende Sonderstellung ein. Sie sind einerseits aufgrund ihrer Gr\u00f6\u00dfe in der Lage, die Entwicklung der Mieten und auch der Mietgesetzgebung zu beeinflussen (siehe Angriffe auf den Mietspiegel) und sind andererseits aufgrund ihrer wirtschaftlichen Ausrichtung im Besonderen f\u00fcr Preissteigerungen auf dem Wohnungsmarkt verantwortlich.&#8220;<\/li>\r\n<li>Die &#8222;Deutsche Wohnen die\u00a0H\u00e4user vergammeln\u00a0l\u00e4sst, keine ausreichende Instandhaltung betreibt&#8220;<\/li>\r\n<li>&#8222;Die Wohnungs- und\u00a0Obdachlosigkeit&#8220;<\/li>\r\n<li>Durch den staatlichen Eingriff w\u00fcrde der\u00a0Spekulation\u00a0Einhalt geboten. Eine Folge w\u00e4ren fallende Immobilien und Grundst\u00fcckspreise.\u00a0<\/li>\r\n<\/ul>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Grundlage des \u00dcbels, der Markt, soll damit zwar reguliert und beeinflusst, aber nicht grunds\u00e4tzlich angefasst werden. Auch wenn die einschl\u00e4gigen Politiker und Kommentatoren diesen &#8222;Teufel&#8220; schon an die Wand malen. Und auch der Juso-Vorsitzende Kevin K\u00fchnert, der auf den Zug der Enteignungsforderung aufspringen wollte, fordert lediglich, dass \u201eM\u00e4rkte den Menschen dienen und nicht umgekehrt\u201c. (Tagesspiegel) <a href=\"http:\/\/assoziation.info\/?p=108\">Aber wie das Geld, dass nicht den Menschen dient, obwohl es von ihnen geschaffen wurde, hat der Markt seine eigenen Gesetze, bei denen es nur sekund\u00e4r um Bed\u00fcrfnisbefriedigung geht.<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Welche Folgen k\u00f6nnte eine Enteignung haben?<\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sicherlich k\u00f6nnten die betroffenen Mieter*Innen davon profitieren. Und auch die Mietsteigerung (104% in den letzten zehn Jahren f\u00fcr Neuvermietungen in Berlin) k\u00f6nnten ged\u00e4mpft werden. Das Grundproblem, zu wenige Wohnungen, wird dadurch nicht gel\u00f6st. Vielleich haben die b\u00fcrgerlichen Kritiker der Enteignung sogar recht, wenn sie bef\u00fcrchten, dass dadurch weniger private Gelder in neue berliner Wohnungen investiert werden. Dazu muss man aber festhalten, dass die Privaten in der Vergangenheit eben nicht die L\u00f6sung der Wohnungsnot anbieten konnten. Grade nicht im &#8222;niedrigen Preissegment&#8220;, f\u00fcr die besonders von Verdr\u00e4ngung und Wohnungsnot betroffenen, Wohnraum geschaffen haben. Deshalb fordern ja auch alle Mieter*Innenvereinigungen einen Wiedereinstieg in den sozialen Wohnungsbau als weitere staatliche Intervention.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine (teilweise) Enteignung ist also nicht die L\u00f6sung. Ein am Bedarf geplanter Neubau ist also in wachsenden St\u00e4dten ebenso notwendig. Der Markt richtet es nicht, er kann es auch nicht richten. Eine am wirklichen Bedarf geplante Wohnungspolitik m\u00fcsste also sowohl den Bestand als auch den zuk\u00fcnftigen Bedarf in eine Planung mit einbeziehen. Was w\u00e4re m\u00f6glich, wenn alle Wohnungen und aller Wohnungsbau in gesellschaftlicher Hand w\u00e4ren? Warum nur eine Gesellschaft enteignen? Warum nur die Wohnungen? (Und warum muss das der Staat machen?)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es ist auch grunds\u00e4tzlich zu fragen, ob der Bedarf, an dem sich orientiert werden sollte, denn auch der &#8222;zahlungsf\u00e4hige Bedarf&#8220; ist. Warum sollen Menschen, die Kinder und deshalb weniger Geld in der Tasche haben, in kleineren Wohnungen wohnen? Der Markt wird das nicht richten!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Enteignen!<\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Verstaatlichung nur eines kleinen Teils von Wohnungen k\u00f6nnte also bestenfalls einen kleinen Effekt haben. Die Politik der staatlichen berliner Wohnungsgesellschaften, die, ebenso wie die Deutsche Wohnen, nach Profitinteressen agieren, zeigt das beispielhaft. Der Markt wird dadurch nicht ausgeschaltet, der Staatsbesitz ist nicht unbedingt ein Garant f\u00fcr &#8222;Wohnungsverwertung&#8220; im Interesse der Mieter*Innen. Schlimmstenfalls passt sich der Staat dem Markt an. Trotzdem muss man die Diskussion um Enteignungen begr\u00fc\u00dfen und unterst\u00fctzen, auch wenn sie bisher nur im b\u00fcrgerlichen Rahmen der &#8222;sozialen Marktwirtschaft&#8220; stattfindet. Also unterschreiben und mit abstimmen, sobald es die M\u00f6glichkeit dazu gibt!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass es nicht um Verstaatlichung sondern um Vergesellschaftung gehen sollte, gesellschaftliches statt \u00f6ffentliches Eigentum. Die Vorstellungen der Initiator*Innen gehen ja in diese Richtung. Gesellschaftlich kann Eigentum aber immer nur sein, wenn eine volle gesellschaftliche, also demokratische, Kontrolle und eine volle Unabh\u00e4ngigkeit von partikularen privaten Interessen besteht. Letztendlich kann das nur hei\u00dfen, den Markt nicht regulieren zu wollen, sondern ihn abzuschaffen. Dazu m\u00fcssen alle Produktionsmittel, nicht nur die, die auch direkt Konsumtionsmittel fast aller Menschen sind, vergesellschaftet &#8211; nicht verstaatlicht &#8211; werden.<\/p>\r\n<p>philip<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#8222;Deutsche Wohnen &amp; Co enteignen&#8220; &#8211; Der Ruf nach Eingriffen in die herrschende Eigentumsordnung wird lauter. Und das ist gut so. Denn wer ernsthaft gegen die sozialen (und \u00f6kologischen etc.) Verwerfungen in dieser Gesellschaft vorgehen will, wird zwangsl\u00e4ufig auf die Eigentumsfrage als DIE Kernfrage sto\u00dfen. 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