{"id":174,"date":"2019-07-24T19:56:20","date_gmt":"2019-07-24T19:56:20","guid":{"rendered":"http:\/\/assoziation.info\/?p=174"},"modified":"2020-02-19T20:32:49","modified_gmt":"2020-02-19T20:32:49","slug":"neoliberalismus-ein-problematischer-begriff-mit-noch-problematischeren-konsequenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/assoziation.info\/?p=174","title":{"rendered":"Neoliberalismus \u2013 ein problematischer Begriff mit noch problematischeren Konsequenzen"},"content":{"rendered":"<p>Ein Wort wird der aufmerksame Leser bisher auf unserer Seite nirgends entdeckt haben. Und wie die \u00dcberschrift dieses Artikels bereits vermuten l\u00e4sst, handelt es sich dabei um den Begriff des &#8218;Neoliberalismus&#8216;. Dabei ist dieser Begriff aus g\u00e4ngigen linken Diskursen gar nicht wegzudenken. Vom Gewerkschafter und Sozialdemokraten vom alten Schrot und Korn \u00fcber den quirligen Jungsozialisten bis hin zu Traditionskommunisten im Geiste des 20. Jahrhunderts \u2013 alle lamentieren st\u00e4ndig \u00fcber den &#8218;Neoliberalismus&#8216;. Kein Wunder, ist er doch in ihren Stellungnahmen meist Schuld an allen \u2013 vollkommen zu recht beklagten \u2013 \u00fcblen Zust\u00e4nden dieser Welt: Arbeitslosigkeit und Armut, (Hyper)individualisierung und Sparpolitik und letztlich am Niedergang oder der Verrohung ganzer Gemeinwesen \u2013 zu beobachten am Zustand des Bildungs- und Gesundheitssystems. Schuld an diesen Erscheinungen \u2013 folgen wir den genannten Kritikern \u2013 ist die &#8217;neoliberale Wende&#8216; oder griffiger und schlichter eben der &#8218;Neoliberalismus&#8216;.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Eine genaue Begriffsbestimmung des &#8218;Neoliberalismus&#8216; ist allerdings kaum m\u00f6glich, dazu scheint dieser schlichtweg zu vielseitig. \u00d6konomisch geht es wahlweise um das Zur\u00fcckdr\u00e4ngen der einst starken Wohlfahrtsstaaten im globalen Norden, um ein vermeintliches Aufbl\u00e4hen des Finanzsektors und eine damit zusammenh\u00e4ngende \u00dcbermacht der B\u00f6rse oder manchmal schlichtweg darum, dass die Prinzipien von Markt und Konkurrenz immer m\u00e4chtiger werden und dadurch alles zur Ware wird. In einigen Theorien z\u00e4hlt nur eins der genannten Merkmale, bei anderen durchaus zwei oder es geh\u00f6ren gleich alle drei zusammen wie etwa in David Harveys &#8218;kleiner Geschichte des Neoliberalismus&#8216; (2007), die hier noch \u00f6fter befragt werden soll.<\/p>\n<p>Politisch geht es beim &#8218;Neoliberalismus&#8216; meist noch viel ambivalenter zu. F\u00fcr die einen waren es vor allem die Werte der 68er, die dem Kapitalismus einen \u201eneuen Geist\u201c eingefl\u00f6sst haben (vgl. etwa Luc Boltansci und \u00c8ve Chiapello). Demnach haben die Ideen von individueller Freiheit und Selbstverwirklichung mindestens Mitschuld an der um sich greifenden Individualisierung der Gesellschaft. Zwar sei nun hinsichtlich individueller oder der damit zusammenh\u00e4ngenden sexuellen Befreiung und Bevormundung vieles m\u00f6glich, eben das vielzitierte &#8218;anything goes&#8216; bzw. &#8218;alles ist m\u00f6glich&#8216; (Toyota). Unter kapitalistischem, oder wie die meisten eben behaupten w\u00fcrden &#8217;neoliberalen&#8216;, Vorzeichen seien diese Freiheitsideale aber umgeschlagen in den Zwang, sich in immer neuen Projekten immer wieder neu zu erfinden und selbst zu verwirklichen, sich immerfort zu optimieren und im Falle des Scheiterns ausschlie\u00dflich selbst verantwortlich zu sein. Dass es solche gesellschaftlichen Tendenzen zuhauf gibt, soll hier keinesfalls bestritten werden. Was wir bezweifeln ist lediglich, dass man dies mit dem Etikett &#8217;neoliberal&#8216; besonders eindr\u00fccklich beschreiben k\u00f6nnte. Dies ist schon von daher fragw\u00fcrdig, weil bei n\u00e4chster Gelegenheit hervorgehoben wird, dass es gerade erzkonservative Geister waren, die dem &#8218;Neoliberalismus&#8216; Spalier gestanden h\u00e4tten. So wird immer wieder auf Ronald Reagen und Magret Thatcher verwiesen, ebenso auf B\u00fcndnisse des &#8218;Neoliberalismus&#8216; mit reaktion\u00e4ren Evangelikalen oder Pinochets Chile als erstes Versuchsfeld neoliberaler Politik. Wenn aber der &#8218;Neoliberalismus&#8216; sowohl die Schlagkraft der sexuellen Emanzipation im Geiste von 1968 erkl\u00e4ren soll als auch den faschistischen Putsch von Pinochet in Chile, dann haben wir es kaum mit einem analytischen Begriff zu tun. Und genau dies ist unser erstes grosses Problem: &#8218;Neoliberalismus&#8216; ist ein stark moralisch aufgeladener Kampfbegriff ohne jegliche analytische Sch\u00e4rfe.<\/p>\n<p>Unsere Kritik wird allerdings noch grunds\u00e4tzlicher wenn es darum geht, mit welchen politischen Implikationen der Begriff einhergeht. Um dies aufzuzeigen m\u00fcssen wir uns ein St\u00fcck von der g\u00e4nzlich flexiblen Bandbreite des Begriffs \u2013 um nicht zu sagen Beliebigkeit \u2013 entfernen und uns einen Theoretiker heraussuchen, an dem wir unsere Kritik verdeutlichen k\u00f6nnen. Wir nehmen hierf\u00fcr den bereits zitierten David Harvey, der mit seiner &#8218;Kleine[n] Geschichte des Neoliberalismus&#8216;<sup>1<\/sup> eine Art \u00dcbersichtswerk geschaffen hat, welches es zu einiger Beliebtheit gebracht hat und in linken Kreisen sehr gerne zitiert und herangezogen wird. Wie bereits angedeutet ist f\u00fcr Harvey zun\u00e4chst der \u201eBedeutungszuwachs der Finanzinstitutionen\u201c entscheidend, denn \u201e[\u00fc]berall in der kapitalistischen Welt nahm der Umfang der Auslandsdirektinvestitionen und der Portfolio-Investitionen rasch zu\u201c. (Harvey 2007, S. 116). Er sieht hierin \u201eeine eindeutige Machtverschiebung vom Produktions- zum Finanzsektor\u201c (ebd., S.45). \u201eDas zweite Moment war die immer gr\u00f6\u00dfere Mobilit\u00e4t des Kapitals, wozu die rasch sinkenden Transport- und Kommunikationskosten entscheidend beitrugen\u201c (Harvey 2007, S. 116).<\/p>\n<p>In den 1990er Jahren, von denen Harvey hier schreibt, d\u00fcrften so ziemlich alle Investitionen steil angestiegen sein. Wenn man bedenkt, wie viele Milliarden (!) Menschen durch die Einbeziehung des ehemaligen Ostblocks und Chinas pl\u00f6tzlich in den Weltmarkt gezogen wurden, kann dies eigentlich wenig erstaunen. Die gesamte Produktion erlebte in dieser Zeit eine unheimliche Ausdehnung und mit ihr zwangsl\u00e4ufig auch der Finanzsektor. Daraus kann aber keinesfalls gleich eine &#8218;Machtverschiebung vom Produktions- zum Finanzsektor&#8216; abgeleitet werden, wie Harvey dies tut. Die Idee von der &#8218;Herrschaft des Finanzkapitals&#8216; ist zwar in linken Kreisen beliebt und weit verbreitet, hat aber entgegen vielen Annahmen mit Karl Marx&#8216; Kapitalismusanalyse wenig zu tun. Schon der Begriff &#8218;Finanzkapital&#8216; kommt bei Marx wohlweislich nicht vor. Warum er sich sowohl bei Sozialdemokraten als auch Leninisten so gro\u00dfer Beliebtheit erfreut, soll am Ende des Artikels gekl\u00e4rt werden. Hier soll zun\u00e4chst nur mit Marx und gegen die Theorien vom &#8218;Finanzkapital&#8216; festgehalten werden, dass Kapital die Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozess ist. Und dabei sind das \u201eKreditwesen und die Konkurrenz auf dem Weltmarkt [\u2026] die Basis und die Lebensatmosph\u00e4re der kapitalistischen Produk\u00adtionsweise\u201c (Marx, Kapital III, MEW 25, S. 120). Eine Herrschafft vom Finanzkapital oder der Banken \u00fcber das Industriekapital ist demnach recht sinnfrei<sup>2<\/sup>.<\/p>\n<p>Kommen wir zu Harveys zweitem Moment, der immer gr\u00f6\u00dferen Mobilit\u00e4t des Kapitals und den sinkenden Transport- und Kommunikationskosten. Beides ist nat\u00fcrlich eine Tatsache und beides hat gerade in den von Harey beschriebenen 1990er Jahren enorm an Fahrt gewonnen. Nur stellt sich hier sofort wieder die Frage, was der Begriff &#8218;Neoliberalismus&#8216; hier n\u00fctzt. Wie soeben zitiert, war bereits f\u00fcr Marx die Konkurrenz auf dem Weltmarkt &#8218;Basis und Lebensatmosph\u00e4re der kapitalistischen Produktionsweise&#8216;. Mehr noch: \u201eDie Tendenz den Weltmarkt zu schaffen ist unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben. Jede Grenze erscheint als zu \u00fcberwindende Schranke\u201c (Marx, Grundrisse, MEW 42, S. 311). Bei Marx hat dieser Gedankengang eine unheimliche analytische Sch\u00e4rfe. Das Kapital ist ein gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis, welches in steter Bewegung und damit Entwicklung begriffen ist. Diese Entwicklung f\u00fchrt dazu, dass das Kapitalverh\u00e4ltnis immer intensiver und extensiver wirkt. Und genau deshalb steckt der zu schaffende Weltmarkt im &#8218;Begriff des Kapitals&#8216; und ist seine &#8218;Basis und Lebensatmosph\u00e4re&#8216;. Dass die &#8218;Tendenz, den Weltmarkt zu schaffen&#8216;, nach 1989 enorm an Fahrt gewonnen hat, soll wie bereits gesagt, nat\u00fcrlich nicht bestritten werden. Aber zumindest jeder, der Marx gelesen hat, muss sich doch zwangsl\u00e4ufig fragen, warum &#8218;gr\u00f6\u00dfere Mobilit\u00e4t des Kapitals und sinkende Transport- und Kommunikationskosten&#8216; (Harvey) nun als eine Neuheit des &#8218;Neoliberalismus&#8216; verkauft werden!?<\/p>\n<p>Und genauso geht es weiter. \u201eAls oberster Wert gilt das Prinzip der Konkurrenz, und dies auf allen Ebenen [\u2026] Die Grundregeln der Marktkonkurrenz sind nat\u00fcrlich strikt einzuhalten\u201c (Harvey 2007, S. 84). Oder: \u201eDie Annahme, dass s\u00e4mtliche Allokationsentscheidungen am besten von den M\u00e4rkten und Marktsignalen getroffen werden, bedingt, dass man im Prinzip alles als Ware behandeln kann\u201c (Ebd., S. 205). Oder: \u201eUnter neoliberalen Verh\u00e4ltnissen zu leben bedeutet, sich den Gesetzen, die f\u00fcr die Kapitalakkumulation n\u00f6tig sind, zu f\u00fcgen oder zu unterwerfen\u201c (Ebd., S. 225). Und als letztes Beispiel: \u201eWenn man n\u00e4mlich diese Rechtsordnung akzeptiert, nimmt man zugleich als unab\u00e4nderlich hin, unter einem Regime endloser Kapitalakkumulation und \u00f6konomischen Wachstums (ohne R\u00fccksicht auf die gesellschaftlichen, \u00f6kologischen oder politischen Folgen) zu leben. Umgekehrt impliziert die endlose Kapitalakkumulation, dass die neoliberale Rechtsordnung sich \u00fcber den ganzen Erdball ausdehnen muss [\u2026]\u201c (Ebd., S. 226). Dies alles ist nat\u00fcrlich vollkommen richtig und steht unter der wichtigen und richtigen \u00dcberschrift \u201eKommodifizierung oder: Alles wird zur Ware\u201c. An Harvey bleibt allerdings zu kritisieren dass alle beschriebenen Erscheinungen bereits dem Kapital als gesellschaftlichem Verh\u00e4ltnis zuzuschreiben sind und nicht wie er immer wieder behauptet, &#8218;dem Neoliberalismus&#8216;.<\/p>\n<p>In unserem Buch \u201e<a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/goodbye-kapital-christian-hofmann-9783732286539\">Goodbye Kapital<\/a>\u201c haben wir im zweiten Kapitel in eigenen Worten die marxsche Analyse nachgezeichnet, wie der Wert und die Ware aus den Nischen der alten Gesellschaften prozesshaft emporstiegen und dabei immer intensiver und extensiver wirkten. Auch wenn es Geld schon in der Antike gab, setzt sich erst unter dem Kapitalverh\u00e4ltnis seine Tendenz durch, ma\u00dflos zu sein. Im Kapitalismus wird Geldvermehrung ein Selbstzweck, dem alles andere untergeordnet wird. Und genau deshalb gilt: \u201eAlles wird zur Ware\u201c.<\/p>\n<p>Was die letzten beiden gro\u00dfen Punkte, also den Weltmarkt und die Kommodifizierung, betrifft, k\u00f6nnte uns so mancher Leser nun Wortklauberei oder Kleinkariertheit vorwerfen. Ist doch sch\u00f6n, so k\u00f6nnte er meinen, wenn Marx die von Harvey beschriebenen Ph\u00e4nomene schon 140 Jahre fr\u00fcher und vielleicht auch analytisch besser beschrieben hat. Dies muss der Sache an sich aber doch keinen Abbruch tun!? Der Begriff des &#8218;Neoliberalismus&#8216; hat sich nun einmal durchgesetzt, ob der Begriff nun etwas schr\u00e4g sitzt oder nicht, ist letztlich unrelevant. Aber leider ist dem nicht so. Denn entscheidend ist hier nicht, wer diese Ph\u00e4nomene als erster beschrieben hat und wer besser, sondern wo ihre Ursachen liegen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Harvey ist der &#8218;Neoliberalismus&#8216; in letzter Instanz ein bewusstes politisches Projekt der oberen Klasse(n), es war ihr Wille, ihn durchzusetzen: \u201eWenn sich die Oberschichten vor ihrem politischen und \u00f6konomischen Absturz sch\u00fctzen wollten, mussten sie entschlossen handeln\u201c (Harvey 2007, S. 25) und \u201edarauf zielen, die Klassenmacht der Eliten zu erhalten, neu zu konstituieren und zu restaurieren\u201c (Ebd., S 233). \u201eDer Neoliberalismus als potenzielles Abwehrmittel gegen die Gef\u00e4hrdung der kapitalistischen Ordnung und als Rezept zur Gesundung eines kr\u00e4nkelnden Kapitalismus hatte schon lange hinter den Kulissen der politischen B\u00fchne auf seine Chance gelauert\u201c (Ebd., S. 29).<\/p>\n<p>F\u00fcr Marx ist das Kapital als gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis aber gerade keine Frage des blo\u00dfen Willens. Vollkommen unmissverst\u00e4ndlich erkl\u00e4rte er beispielhaft auf einem Kongress der Internationalen Arbeiterassoziation: \u201eSicher ist es der Wille des Kapitalisten, zu nehmen, was zu nehmen ist. Uns kommt es darauf an, nicht \u00fcber seinen Willen zu fabeln, sondern seine Macht zu untersuchen, die Schranken dieser Macht und den Charakter dieser Schranken.\u201c (Marx, MEW 16, S. 105).<\/p>\n<p>Doch damit nicht genug. Problematisch ist nicht nur, dass Harvey den Weltmarkt oder die Kommodifizierung letztlich als blo\u00dfen b\u00f6sen Willen gieriger Kapitalisten und korrupter bzw. inkompetenter Politiker erscheinen l\u00e4sst, sondern eben sosehr die Implikationen die daraus folgen. Schlie\u00dflich ist der &#8218;Neoliberalismus&#8216; f\u00fcr Harvey \u2013 und genau an diesem kritischen Punkt sind sich die meisten Kritiker des &#8218;Neoliberalismus&#8216; einig \u2013 ein Angriff auf die gute alte Zeit des Wohlfahrtsstaates und des geb\u00e4ndigten Kapitalismus im globalen Norden: \u201eDiesen unterschiedlichen Staatsmodellen war eins gemeinsam: Dem Staat war die Hauptaufgabe zugedacht, f\u00fcr Vollbesch\u00e4ftigung, Wirtschaftswachstum und die Wohlfahrt seiner B\u00fcrger zu sorgen. Zum Erreichen dieser Ziele sollte die Regierung ihre Machtmittel unbeschr\u00e4nkt einsetzen k\u00f6nnen, grunds\u00e4tzlich im Verbund mit dem Marktgeschehen; wenn n\u00f6tig, sollte der Staat jedoch in den Markt eingreifen oder sogar an dessen Stelle treten [\u2026 und] Konjunkturzyklen regulieren [\u2026]\u201c (Harvey 2007, S. 19). Aber genau dies ist der alles entscheidende Punkt. Der Terminus &#8218;Neoliberalismus&#8216; kritisiert immer Erscheinungen, die vermeidlich erst in den 1970er oder 1980er Jahren begannen, und beschw\u00f6rt die Jahrzehnte, die vor diesen lagen. Immer steht mit dieser Vokabel die Behauptung im Raum, Kapitalismus k\u00f6nne auch anders laufen, als wir es seither gewohnt sind. Und genau hier scheiden sich die Geister.<\/p>\n<p>Sicherlich waren die 1950er und 1960er Jahre in einigen Staaten des globalen Nordens etwas besonderes. Nach zwei Weltkriegen und der Weltwirtschaftskrise gab es unheimliche Wachstumsraten und eine explosionsartige Vermehrung des Wohlstandes (Radio, K\u00fchlschrank, Automobil f\u00fcr immer breitere Massen usw.). Sicher w\u00fcrde es lohnen, die \u00f6konomischen Besonderheiten und hohen Wachstumsraten dieser Ausnahmesituation einmal unter die Lupe zu nehmen. F\u00fcr Kapitalismuskritiker kann dies allerdings nicht bedeuten, diese beiden Jahrzehnte von vorne herein zu verkl\u00e4ren. Auch in diesen Jahrzehnten gab es nicht nur Gewinner, sondern ebenso Verlierer. Und auch in diesen galt das Grundproblem, mit welchem wir diese Internetseite \u00fcberschrieben haben. \u201eDie kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergr\u00e4bt: die Erde und den Arbeiter\u201c (Marx, Kapitail I, MEW 23, S. 530). Erst recht waren die 1950er und 1960er Jahre kein Zaubertrick, mit dem es gelang, kapitalistische Produktion erfolgreich zu z\u00fcgeln und zu lenken. Selbst Harvey, obwohl gro\u00dfer Fan dieser beiden Jahrzehnte, gibt fairerweise zu:<\/p>\n<p>\u201eGegen Ende der 1960er-Jahre begann dieser &#8218;embedded liberalism&#8216; sich aufzul\u00f6sen, und zwar sowohl auf internationaler Ebene als auch in den einzelnen L\u00e4ndern. Allenthalben zeigten sich Symptome einer ernsthaften Krise der Kapitalakkumulation. Arbeitslosen- und Inflationsraten schossen \u00fcberall in die H\u00f6he; das ganze m\u00fcndete in eine globale &#8218;Stagflation&#8216;, die fast bis Ende der 70er-Jahre andauerte. Schrumpfende Steuereinnahmen und steil ansteigende Sozialausgaben f\u00fchrten in einigen L\u00e4ndern zu einer Krise der \u00f6ffentlichen Haushalte; Gro\u00dfbritannien musste 1975\/76 sogar mit Hilfe von IWF-Krediten saniert werden\u201c (Harvey 2007, S. 20).<\/p>\n<p>Trotzdem f\u00e4llt Harvey als politisches Programm nichts besseres ein, als \u201eden R\u00fcckzug des Staates aus den sozialen Sicherungssystemen wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen [\u2026und] sich auch gegen die erdr\u00fcckende Macht des Finanzkapitals zu wehren\u201c. Dies w\u00fcrde dann nicht nur mehr &#8218;\u00f6konomische Gerechtigkeit&#8216; herstellen \u201esondern auch f\u00fcr die Vermeidung der verheerenden periodischen Krisen, die im Kapitalismus angelegt sind\u201c, sorgen (Ebd., S. 232). Und hier sind wir endlich bei der gro\u00dfen problematischen Konsequenz angelangt, die immer mitschwingt, wenn vom &#8218;Neoliberalismus&#8216; die Rede ist. Denn wenn die &#8217;neoliberale Wende&#8216; als Ursache allen \u00dcbels in den 1970ern und 1980ern statt fand, ist doch klar, dass es in den Jahrzehnten zuvor besser war. Dann ist mit der Kritik am &#8218;Neoliberalismus&#8216; aber immer auch impliziert, dass es ein Zur\u00fcck in die gute alte Zeit vor dem &#8218;Neoliberalismus&#8216; geben muss. Ein Zur\u00fcck zu einem vermeintlich besseren, gerechteren und stabileren Kapitalismus. Aber genau dies ist keine Option!<\/p>\n<p>Statt Illusionen \u00fcber das System der Profitmaximierung aufzubauen, m\u00fcssen wir heute unsere Kr\u00e4fte daf\u00fcr b\u00fcndeln, es endlich zu \u00fcberwinden, weil es eben nicht in der Lage ist, die gravierenden sozialen und \u00f6kologischen Probleme der Menschheit zu l\u00f6sen. Einen Plan, der dies m\u00f6glich macht, haben wir in unserem Buch \u201e<a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/goodbye-kapital-christian-hofmann-9783732286539\">Goodbye Kapital<\/a>\u201c (Broistedt\/Hofmann 2019) geschildert.<\/p>\n<p>Bliebe als letztes noch zu kl\u00e4ren, warum die Theorie vom &#8218;Neoliberalismus&#8216; vom Sozialdemokraten bis hin zum Leninisten so gro\u00dfen Anklang findet. Die Antwort liegt in ihrer Staatsfixiertheit. Der Gegensatz dieser beiden politischen Richtungen liegt einzig in der Frage, wie die Staatsmacht erobert werden soll (Reform oder Revolution). An sich tr\u00e4umen aber beide davon, den Staatsapparat in den H\u00e4nden zu haben und die \u00d6konomie dann lenken zu k\u00f6nnen. Die Theorie vom &#8218;Neoliberalismus&#8216; suggeriert ja, wie oben beschrieben, dass es letztlich auf den Willen der Machthaber ankommt. Wenn wir aber, dem marxschen Diktum folgend, diese Allmachtsphantasien einmal beiseite lassen und statt dessen die Macht des Kapitals untersuchen, &#8218;die Schranken dieser Macht und den Charakter dieser Schranken&#8216;, stossen wir darauf, dass man eine Gesellschaft, die auf dem Wertgesetz beruht, nicht steuern kann.<\/p>\n<p>\u201eAuf l\u00e4ngere Sicht akzeptiert der Wert keinerlei Schranken, sondern u\u0308berwindet sie immer aufs Neue. Wir hatten in Kapitel 2 [Goodbye Kapital] gezeigt, wie der Wert aus den Nischen der alten Gesellschaften prozesshaft emporstieg und dabei immer intensiver und extensiver wirkt. Ein Staat kann gegen diese Tendenz wenig ausrichten \u2013 und sei er noch so m\u00e4chtig. Wenn das Wertgesetz gilt, wirkt es so zwangsl\u00e4ufig und objektiv wie ein Naturgesetz. Wenn die Gesellschaft sich vom Wert emanzipieren will, wird sie deshalb nicht darum herumkommen, zun\u00e4chst die Warenproduktion und das Geld zu u\u0308berwinden. Der bestehende Staat wird ihr dabei eher hinderlich denn behilflich sein, schlie\u00dflich geh\u00f6rt der Schutz des Privateigentums zu seinen Kernaufgaben\u201c (Broistedt\/Hofmann 2019, S. 121).<\/p>\n<p>Deshalb pl\u00e4dieren wir daf\u00fcr, das ganze Gerede vom &#8218;Neoliberalismus&#8216; fallen zu lassen. Letztlich sch\u00fcrt es immer Illusionen von einem zu b\u00e4ndigenden und steuerbaren Kapitalismus. Uns muss es heute aber darum gehen, den Kapitalismus &#8211; egal, ob geb\u00e4ndigt oder ungeb\u00e4ndigt &#8211; zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>chris<\/p>\n<h6>1 Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel A brief history of Neoliberalism bei Oxford University Press. Hier zitiert nach Rotpunktverlag 2007, zitiert als Harvey 2007.<\/h6>\n<h6 class=\"sdfootnote\">2 F\u00fcr eine ausf\u00fchrliche Kritik an der Theorie von der Herrschaft des Finanzkapitals siehe unter Theorie die Artikel von Klaus Winter, speziel<a href=\"http:\/\/assoziation.info\/?page_id=224\"> Monopolkapitalismus und Finanzkapital<\/a>. Ebenfalls lesenswert in diesem Zusammenhang sind die zahlreichen Ausf\u00fchrungen zu Hilferding von G\u00fcnther Sandleben, u.a. auf <a href=\"http:\/\/www.guenther-sandleben.de\/finanzkapital.html\">www.guenther-sandleben.de<\/a><\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Wort wird der aufmerksame Leser bisher auf unserer Seite nirgends entdeckt haben. Und wie die \u00dcberschrift dieses Artikels bereits vermuten l\u00e4sst, handelt es sich dabei um den Begriff des &#8218;Neoliberalismus&#8216;. Dabei ist dieser Begriff aus g\u00e4ngigen linken Diskursen gar nicht wegzudenken. 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