{"id":434,"date":"2021-03-18T19:40:40","date_gmt":"2021-03-18T19:40:40","guid":{"rendered":"https:\/\/assoziation.info\/?p=434"},"modified":"2021-04-25T15:48:32","modified_gmt":"2021-04-25T15:48:32","slug":"rosa-luxemburg-zur-russischen-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/assoziation.info\/?p=434","title":{"rendered":"Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution"},"content":{"rendered":"<p style=\"padding-left: 40px;\">Sozialistische Demokratie beginnt aber nicht erst im gelobten Lande, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen ist, als fertiges Weihnachtsgeschenk f\u00fcr das brave Volk, das inzwischen treu die Handvoll sozialistischer Diktatoren unterst\u00fctzt hat. Sozialistische Demokratie beginnt zugleich mit dem Abbau der Klassenherrschaft und dem Aufbau des Sozialismus.<i> Rosa Luxemburg <\/i><\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1871 \u2013 vor genau 150 Jahren \u2013 wurde Rosa Luxemburg in Polen geboren. Da wir uns ohnehin vorgenommen hatten, im Zusammenhang mit unseren Vorstellungen von communistischer Arbeitszeitrechnung eine kleine Artikelserie zum Scheitern des bolschewistischen Sozialismusversuchs zu schreiben, ist dieser Jahrestag ein willkommener Anlass, auf Rosa Luxemburgs Stellung zur <i>russischen Trag\u00f6die <\/i>einzugehen. Die Zeit seit Beginn der Revolution in Russland Anfang 1917 bis zu ihrer Ermordung im Januar 1919 sa\u00df sie, mit Ausnahme ihrer zwei letzten Lebensmonate, auf Befehl des Deutschen Oberkommandos im Gef\u00e4ngnis. Obwohl sie aber die st\u00fcrmische Entwicklung der russischen Revolution nach dem Oktober 1917 nur noch f\u00fcr 14 Monate miterleben konnte und den Umst\u00e4nden entsprechend blo\u00df \u00fcber unzureichendes Quellenmaterial verf\u00fcgte, sind ihre Aufzeichnungen aus diesen Tagen das vielleicht weitsichtigste und scharfsinnigste, was zu jener Zeit aus marxistischer Warte zum \u201eOktoberaufstand\u201c zu Papier gebracht wurde. Und zwar sowohl was ihren Einblick in Verlauf und Triebkr\u00e4fte der von ihr gefeierten Revolution angeht, als auch was Ausblick und Warnungen bez\u00fcglich der bolschewistischen Revolutionsma\u00dfnahmen betraf. Kernst\u00fcck ihrer diesbez\u00fcglichen Aufzeichnungen ist ein unvollendetes Manuskript, welches posthum unter dem Titel <i>Zur russischen Revolution<\/i> ver\u00f6ffentlicht wurde und in diesem Artikel einer W\u00fcrdigung unterzogen werden soll.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Gr\u00f6\u00dfere Bekanntheit erlangte eigentlich nur die meist aus dem Zusammenhang genommene Mahnung Rosa Luxemburgs an die Adresse der Bolschewiki \u2013 \u201eFreiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden\u201c \u2013 die ebenfalls aus dem Text <i>Zur russischen Revolution<\/i> stammt. Anders als von Liberalen und Sozialdemokraten behauptet wird, ist diese Aussage keineswegs als generelle Absage an die Revolution oder jegliche Form revolution\u00e4rer Gewaltma\u00dfnahmen gemeint. Es handelt sich bei dieser Aussage aber auch nicht um ein sp\u00e4ter korrigiertes Missverst\u00e4ndnis, oder eine Belanglosigkeit am Rande, wie nach wie vor gerne von Traditionskommunist:innen ins Feld gef\u00fchrt wird. Vielmehr bezog sich ihre schonungslose Kritik auf \u201eGrundfehler der Lenin-Trotzkischen Theorie\u201c. Dabei wehte, verglichen mit sp\u00e4teren Entwicklungen, im Jahr 1918 innerhalb der Bolschewiki noch ein vergleichsweise freiheitlicher Geist. Was Luxemburg erst zum Kadavergehorsam der damals im entstehenden Kommunistischen Internationale gesagt h\u00e4tte, l\u00e4sst sich aus ihrer Kritik leicht ableiten. Wer <i>Zur russischen Revolution<\/i> in G\u00e4nze gelesen hat, wird jedenfalls unschwer merken, dass Luxemburg ebenso wenig ins Pantheon der bolschewistischen Heiligen passt wie in die Ahnenreihe des &#8218;kritischen&#8216; b\u00fcrgerlichen Liberalismus.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Treibende Kraft der Revolution<\/h2>\n<p>Anders als die deutsche (Mehrheits)sozialdemokratie oder die russischen Menschewiki erkannte Luxemburg, dass die \u201etreibende Kraft der Revolution [\u2026] vom ersten Augenblick an die Masse des st\u00e4dtischen Proletariats\u201c war und dass es kein russisches B\u00fcrgertum gab, welches die Forderungen dieser <i>treibenden Kraft <\/i>1917 im Rahmen einer blo\u00df b\u00fcrgerlichen Umw\u00e4lzung erf\u00fcllen konnte oder wollte. Diese \u201eForderungen ersch\u00f6pften sich aber nicht in der politischen Demokratie, sondern richteten sich auf die brennende Frage der internationalen Politik: sofortigen Frieden. Zugleich st\u00fctze sich die Revolution auf die Masse des Heeres, das dieselbe Forderung nach sofortigem Frieden erhob, und auf die Masse des Bauerntums, das die Agrarfrage, diesen Drehpunkt der Revolution, schon seit 1905 in den Vordergrund schob. Sofortiger Frieden und Land \u2013 mit diesen beiden Zielen war die innere Spaltung der revolution\u00e4ren Phalanx gegeben\u201c.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich kumulierten die Bed\u00fcrfnisse der Massen, die schlie\u00dflich zum Stichwort der Oktoberrevolution wurden, in der griffigen Formel nach &#8218;Brot, Land und Frieden&#8216;. Auch wenn alle drei Aspekte formal oder zumindest theoretisch im Rahmen einer blo\u00df b\u00fcrgerlichen Umw\u00e4lzung h\u00e4tten angegangen werden k\u00f6nnen, gab es 1917 au\u00dfer den Bolschewiki faktisch keine politischen Kr\u00e4fte in Russland, die sich der sofortigen Umsetzung dieser Forderungen verpflichteten. Aus der Besetzung dieser Leerstelle ergab sich der fast kometenhafte Aufstieg der Bolschewiki im Sommer 1917: \u201eDadurch erkl\u00e4rt sich, da\u00df in jeder Revolution nur diejenige Partei die F\u00fchrung und die Macht an sich zu rei\u00dfen vermag, die den Mut hat, die vorw\u00e4rtstreibende Parole auszugeben und alle Konsequenzen daraus zu ziehen. Daraus erkl\u00e4rt sich die kl\u00e4gliche Rolle der russischen Menschewiki, der Dan, Zereteli u.a., die, anf\u00e4nglich von ungeheurem Einflu\u00df auf die Massen, nach l\u00e4ngerem Hin- und Herpendeln, nachdem sie sich gegen die \u00dcbernahme der Macht und Verantwortung mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gestr\u00e4ubt hatten, ruhmlos von der B\u00fchne weggefegt worden sind\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/assoziation.info\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/luxemburg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-454 aligncenter\" src=\"https:\/\/assoziation.info\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/luxemburg-300x151.jpg\" alt=\"\" width=\"564\" height=\"284\" srcset=\"https:\/\/assoziation.info\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/luxemburg-300x151.jpg 300w, https:\/\/assoziation.info\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/luxemburg-1024x517.jpg 1024w, https:\/\/assoziation.info\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/luxemburg-768x388.jpg 768w, https:\/\/assoziation.info\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/luxemburg.jpg 1440w\" sizes=\"auto, (max-width: 564px) 100vw, 564px\" \/><\/a><\/p>\n<p><i>Sofortiger Frieden und Land<\/i> \u2013 die Bolschewiki, und diesen voran Lenin und Trotzki, erkannten 1917 nicht nur diesen Dreh- und Angelpunkt der Revolution, sondern sahen auch klar, welche Klassen hierbei die Hauptrolle spielen mussten. Es war vergebens, auf das nur schwach entwickelte russische B\u00fcrgertum oder die oppositionellen Teile des russischen Adels zu setzen. Zur L\u00f6sung der Agrarfrage und zum Abschluss eines Friedensvertrages konnte sich die Revolution nur noch auf die Masse der Arbeiter und Bauern st\u00fctzen. Die origin\u00e4re russische Bauernpartei, die &#8218;Sozialrevolution\u00e4re&#8216;, sowie die Menschewiki, der zweite Fl\u00fcgel der russischen Arbeiterpartei, welche zun\u00e4chst wesentlich mehr Einfluss besa\u00dfen, missverstanden die Situation g\u00e4nzlich \u2013 \u201eklammerten sich verzweifelt an die Koalition mit den b\u00fcrgerlichen Liberalen\u201c \u2013 und wurden von den Ereignissen f\u00f6rmlich \u00fcberrannt: \u201eDie Entschlossenheit, mit der Lenin und Genossen im entscheidenden Moment die einzige vorw\u00e4rtstreibende Losung ausgegeben haben: die ganze Macht in die H\u00e4nde des Proletariats und der Bauern, hat sie fast \u00fcber Nacht aus einer verfolgten, verleumdeten Minderheit, deren F\u00fchrer sich wie Marat in den Kellern verstecken mu\u00dften, zur absoluten Herrin der Situation gemacht\u201c.<\/p>\n<h2>Was geschaffen wurde, ist nicht gesellschaftliches Eigentum, sondern neues Privateigentum<\/h2>\n<p>Die Eroberung der politischen Macht durch die Bolschewiki im Oktober 1917 war letztlich m\u00f6glich geworden, weil die politische Macht auf der Stra\u00dfe lag und blo\u00df ergriffen werden musste. Dies war deshalb aber noch lange kein &#8218;Putsch&#8216;, wie Heerscharen von b\u00fcrgerlichen Geschichtsklitterern wieder und wieder behaupten. Die Crux lag vielmehr darin, dass die Mehrheit der Arbeiterklasse diese Machtergreifung forderte und die Mehrheit der Bauern \u2013 die mit deutlichem Abstand zahlenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfte Klasse des Riesenreiches \u2013 ihr zumindest stillschweigend zustimmte, weil beide Klassen ihre Forderungen sonst nirgendwo mehr erblicken konnten. Allerdings, und dies ist der springende Punkt, hatte die Forderung der Bauernschaft nach Land zur eigenen Nutzung mit dem \u00dcbergang zu einer kommunistischen Gesellschaft nichts zu schaffen. Dass diese Problemstellung nicht blo\u00df ein Sch\u00f6nheitsfehler war, hat Rosa Luxemburg deutlich auf den Punkt gebracht: \u201eDie Besitzergreifung der L\u00e4ndereien durch die Bauern auf die kurze und lapidare Parole Lenins und seiner Freunde hin: Geht und nehmet euch das Land! f\u00fchrte einfach zur pl\u00f6tzlichen chaotischen \u00dcberf\u00fchrung des Gro\u00dfgrundbesitzes in b\u00e4uerlichen Grundbesitz. Was geschaffen wurde, ist nicht gesellschaftliches Eigentum, sondern neues Privateigentum, und zwar Zerschlagung des gro\u00dfen Eigentums in mittleren und kleineren Besitz, des relativ fortgeschrittenen Gro\u00dfbetriebes in primitiven Kleinbetrieb, der technisch mit den Mitteln aus der Zeit der Pharaonen arbeitet\u201c.<\/p>\n<p>Die Bolschewiki waren hier getriebene der Ereignisse. Ihre erfolgreiche Eroberung der Macht am Jahresende 1917 hatte zur Voraussetzung, dass sie ihr eigenes Agrarprogramm verwarfen und statt dessen den Forderungen der Bauern nachkamen: \u201eLenins eigenes Agrarprogramm vor der Revolution war anders. Die Losung \u00fcbernommen von den vielgeschm\u00e4hten Sozialisten-Revolution\u00e4ren [Sozailrevolution\u00e4re d. Verf.] oder richtiger: von der spontanen Bewegung der Bauernschaft.\u201c Da die Sozialrevolution\u00e4re sich 1917 unf\u00e4hig zeigten ihr eigenes (Agrar)programm umzusetzen, ermutigten die Bolschewiki die Bauern dazu, dies in Eigenregie zu erledigen. Im Gegenzug daf\u00fcr, das sie auf dem Land freie Hand bekamen, sollten sie die <i>proletarisch-sozialistische Regierung<\/i> anerkennen.<\/p>\n<p>Dazu noch einmal Luxemburg: \u201eGewi\u00df war die Losung der unmittelbaren sofortigen Ergreifung und Aufteilung des Grund und Bodens durch die Bauern die k\u00fcrzeste, einfachste und lapidarste Formel, um zweierlei zu erreichen: den Gro\u00dfgrundbesitz zu zertr\u00fcmmern und die Bauern sofort an die revolution\u00e4re Regierung zu fesseln. Als politische Ma\u00dfnahme zur Befestigung der proletarisch-sozialistischen Regierung war dies eine vorz\u00fcgliche Taktik. Sie hatte aber leider ihre zwei Seiten, und die Kehrseite bestand darin, da\u00df die unmittelbare Landergreifung durch die Bauern mit sozialistischer Wirtschaft meist gar nichts gemein hat\u201c.<\/p>\n<h2>Ausgestaltung sowohl der Agrar- wie der Industrieproduktion nach einheitlichen Gesichtspunkten<\/h2>\n<p>Eine Revolution die nicht nur dem Anspruch nach sozialistisch genannt werden m\u00f6chte, sondern einen unmittelbar sozialistischen oder communistischen Inhalt h\u00e4tte, m\u00fcsste s\u00e4mtliche Produktionsmittel vergesellschaften. Dies w\u00e4re die Grundlage daf\u00fcr, dass alle Arbeit von vornherein und direkt gesellschaftliche Arbeit w\u00e4re, die Grundlage f\u00fcr eine Produktion jenseits von Ware und Geld. Nur eine unmittelbar vergesellschaftete Produktion w\u00e4re die Grundlage daf\u00fcr, die geleistete Arbeit direkt zu messen und als Recheneinheit f\u00fcr die Produktion zu nehmen, statt den Umweg \u00fcber etwas drittes \u2013 den Wert \u2013 zu gehen (siehe Artikel AZR). Dass in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts in Russland daf\u00fcr sehr ung\u00fcnstige Bedingungen bestanden, kann nicht geleugnet werden. Das beste Programm und die absolute Klarheit \u00fcber dieses Problem h\u00e4tten es nicht einfach aus der Welt geschafft. Luxemburg mahnt allerdings die Richtung an, auf welche die Bolschewiki sich einlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Aus ihrer Sicht muss die Revolution in Bezug auf die Agrarverh\u00e4ltnisse \u201edas Eigentumsrecht vor allem auf die Nation [\u2026] \u00fcbertragen; denn nur dies gew\u00e4hrt die M\u00f6glichkeit, die landwirtschaftliche Produktion nach zusammenh\u00e4ngenden gro\u00dfen sozialistischen Gesichtspunkten zu organisieren. Zweitens aber ist eine der Voraussetzungen dieser Umgestaltung, da\u00df die Trennung der Landwirtschaft von der Industrie, dieser charakteristische Zug der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, aufgehoben wird, um einer gegenseitigen Durchdringung und Verschmelzung beider, einer Ausgestaltung sowohl der Agrar- wie der Industrieproduktion nach einheitlichen Gesichtspunkten Platz zu machen. [\u2026] Nationalisierung des gro\u00dfen und mittleren Grundbesitzes, Vereinigung der Industrie und der Landwirtschaft, das sind zwei grundlegende Gesichtspunkte jeder sozialistischen Wirtschaftsreform, ohne die es keinen Sozialismus gibt\u201c.<\/p>\n<p>Deshalb muss eine \u201esozialistische Regierung, die zur Macht gelangt ist, [\u2026] auf jeden Fall eins tun: Ma\u00dfnahmen ergreifen, die in der Richtung auf jene grundlegenden Voraussetzungen einer sp\u00e4teren sozialistischen Reform der Agrarverh\u00e4ltnisse liegen, sie mu\u00df zum mindesten alles vermeiden, was ihr den Weg zu jenen Ma\u00dfnahmen verrammelt. Die Parole nun, die von den Bolschewiki herausgegeben wurde: sofortige Besitzergreifung und Aufteilung des Grund und Bodens durch die Bauern, mu\u00dfte geradezu nach der entgegengesetzten Richtung wirken.\u201c<\/p>\n<h2>Feind jeder sozialistischen Vergesellschaftung<\/h2>\n<p>Wie sehr Rosa Luxemburg Recht damit behalten sollte, dass die eigenm\u00e4chtige Aufteilung des Gro\u00dfgrundbesitzes unter den Bauern b\u00fcrgerliche Eigentumsformen st\u00e4rkte und einer k\u00fcnftigen <i>sozialistischen Reform der Agrarverh\u00e4ltnisse<\/i> auf dem Land den Weg <i>verrammelt<\/i> hat, wurde durch die Geschichte grausam bewiesen. Die Hungersnot am Ende des B\u00fcrgerkrieges, die barbarischen Formen der Kollektivierung und Entkulakisierung der Landwirtschaft seit Ende der 1920er Jahre, das Desinteresse der Bauern an allen Formen kollektivwirtschaftlichen Eigentums, welches landwirtschaftliche Produktionsfortschritte verunm\u00f6glichte und die Entwicklung der gesamten Sowjetwirtschaft pr\u00e4gte \u2013 die Mahnungen Luxemburgs lesen sich retrospektiv wie eine b\u00f6se Prophezeiung: \u201eDie Leninsche Agrarreform hat dem Sozialismus auf dem Lande eine neue m\u00e4chtige Volksschicht von Feinden geschaffen, deren Widerstand viel gef\u00e4hrlicher und z\u00e4her sein wird, als es derjenige der adligen Gro\u00dfgrundbesitzer war\u201c. Oder an anderer Stelle: \u201eJetzt, nach der &#8218;Besitzergreifung&#8216; steht als Feind jeder sozialistischen Vergesellschaftung der Landwirtschaft eine enorm angewachsene und starke Masse des besitzenden Bauerntums entgegen, da\u00df sein neuerworbenes Eigentum gegen alle sozialistischen Attentate mit Z\u00e4hnen und N\u00e4geln verteidigen wird\u201c. Die Anzeichen der Formen, die dieser Konflikt annehmen sollte entgingen ihr dabei nicht: \u201eWie scharf der Gegensatz schon jetzt geworden ist, beweist der Boykott der Bauern den St\u00e4dten gegen\u00fcber, denen sie die Lebensmittel vorenthalten, um damit Wuchergesch\u00e4fte zu machen, genau wie die preu\u00dfischen Junker\u201c.<\/p>\n<h2>Freiheit nur f\u00fcr die Anh\u00e4nger der Regierung, nur f\u00fcr Mitglieder einer Partei \u2013 m\u00f6gen sie noch so zahlreich sein \u2013 ist keine Freiheit<\/h2>\n<p>Aber nicht nur was ihre Kritik an der Agrarpolitik der Bolschewiki betrifft, lesen sich Luxemburgs Mahnungen im Nachhinein wie b\u00f6se Prophezeiungen. Auch die politischen Formen der Revolution unterzog sie einer ebenso weitsichtigen wie schonungslosen Kritik. Wegweisend an ihren Ausf\u00fchrungen ist, dass sie dabei <i>Sozialistische Demokratie<\/i> und eine revolution\u00e4re <i>Diktatur des Proletariats <\/i>nicht als Gegens\u00e4tze behandelte, sondern in eins setzte. Heute, nach den Erfahrungen der barbarischen Formen, die die Herrschaft von Parteien angenommen hat, die sich auf den Kommunismus beriefen, mag die Wortwahl irritierend wirken, liegt aber durchaus im Einklang mit den Urspr\u00fcngen der Theorie. Auch Marx und Engels sahen die basisdemokratische Pariser Commune von 1871 als <i>revolution\u00e4re Diktatur des Proletariats<\/i>, und dachten bei diesem Terminus nicht an die diktatorische Alleinherrschaft einer Partei.<\/p>\n<p>In genau diesem Zusammenhang steht auch Luxemburgs Bemerkung von der <i>Freiheit der Andersdenkenden<\/i>. Vollst\u00e4ndig lautet ihre Anmerkung: \u201eFreiheit nur f\u00fcr die Anh\u00e4nger der Regierung, nur f\u00fcr Mitglieder einer Partei \u2013 m\u00f6gen sie noch so zahlreich sein \u2013 ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden. Nicht wegen des Fanatismus der &#8218;Gerechtigkeit&#8216;, sondern weil all das Belehrende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen h\u00e4ngt und seine Wirkung versagt, wenn die &#8218;Freiheit&#8216; zum Privilegium wird.\u201c Luxemburg spricht hier gegen die Diktatur einer Partei und von der Freiheit auf der Grundlage der Revolution. Die Revolution bedarf der Freiheit um ihrer selbst willen und dies nicht am Sanktnimmerleinstag, sondern mit ihrem Beginn und als ihr Bestandteil: \u201eSozialistische Demokratie beginnt aber nicht erst im gelobten Lande, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen ist, als fertiges Weihnachtsgeschenk f\u00fcr das brave Volk, das inzwischen treu die Handvoll sozialistischer Diktatoren unterst\u00fctzt hat. Sozialistische Demokratie beginnt zugleich mit dem Abbau der Klassenherrschaft und dem Aufbau des Sozialismus. Sie beginnt mit dem Moment der Machteroberung durch die sozialistische Partei. Sie ist nichts anderes als die Diktatur des Proletariats\u201c.<\/p>\n<p>Dass es drakonischer Ma\u00dfnahmen gegen das b\u00fcrgerliche Eigentumsrecht Bedarf, keinen Moment und keinen Deut zieht Luxemburg dies in Zweifel. Was sie klarstellt ist, dass die neue Gesellschaft, die Assoziation der freien Produzent:innen, nur auf freiwilliger und demokratischer Grundlage aufgebaut werden kann: Es ist \u201eklar, da\u00df der Sozialismus sich seiner Natur nach nicht oktroyieren l\u00e4\u00dft, durch Ukase [Erlass und Befehl, Anm. d. Verf.] einf\u00fchren. Er hat zur Voraussetzung eine Reihe Gewaltma\u00dfnahmen \u2013 gegen Eigentum usw. Das Negative, den Abbau kann man dekretieren, den Aufbau, das Positive nicht. Neuland. Tausend Probleme. Nur Erfahrung ist imstande, zu korrigieren und neue Wege zu er\u00f6ffnen. Nur ungehemmt sch\u00e4umendes Leben verf\u00e4llt auf tausend neue Formen, Improvisationen, erh\u00e4lt sch\u00f6pferische Kraft, korrigiert selbst alle Fehlgriffe\u201c.<\/p>\n<p>Im Umkehrschluss dagegen gilt. \u201eJa, jedes dauernde Regiment des Belagerungszustandes f\u00fchrt unweigerlich zur Willk\u00fcr, und jede Willk\u00fcr wirkt depravierend auf die Gesellschaft. Das einzige wirksame Mittel in der Hand der proletarischen Revolution sind auch hier: radikale Ma\u00dfnahmen politischer und sozialer Natur, rascheste Umwandlung der sozialen Garantien des Lebens der Masse und \u2013 Entfachung des revolution\u00e4ren Idealismus, der sich nur in uneingeschr\u00e4nkter politischer Freiheit durch intensiv aktives Leben der Massen auf die Dauer halten l\u00e4\u00dft\u201c.<\/p>\n<p>Dass die Befreiung der Arbeiterklasse nicht die Aufgabe von Intellektuellen oder einer Partei sein wird, sondern nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann, hatten bereits Marx und Engels festgestellt. Und ganz in diesem Sinne hei\u00dft es bei Luxemburg: \u201eDie ganze Volksmasse mu\u00df daran teilnehmen. Sonst wird der Sozialismus vom gr\u00fcnen Tisch eines Dutzends Intellektueller dekretiert, oktroyiert\u201c.<\/p>\n<h2>Verwirklichung des Sozialismus[!?]<\/h2>\n<p>Die Gedanken der letzten beiden Textabschnitte \u2013 also zu sozialistischer Landwirtschaft und sozialistischer Demokratie \u2013 scheinen sich in einer gewissen Ambivalenz zu befinden. Einerseits gesteht Luxemburg unumwunden, dass die \u201espontane Bewegung der Bauernschaft\u201c auf eine \u201esofortige Besitzergreifung und Aufteilung des Grund und Bodens\u201c dr\u00e4ngte &#8211; also private Aneignung des Gro\u00dfgrundbesitzes. Eine Form der Neuverteilung der sie attestiert, sp\u00e4tere Formen einer sozialistischen Umgestaltung von Seiten der Bauern zu verhindern \u2013 \u201ederen Widerstand [nun] viel gef\u00e4hrlicher und z\u00e4her sein wird, als es derjenige der adligen Gro\u00dfgrundbesitzer war\u201c. Auf der anderen Seite fordert sie dezidiert <i>aktives Leben der Massen<\/i> und politische Freiheiten. Wenn aber der Wunsch der gro\u00dfen Masse sich zun\u00e4chst auf <i>sofortigen Frieden und Land beschr\u00e4nkte, eine private Landergreifung<\/i>, die mit <i>sozialistischer Wirtschaft meist gar nichts gemein hat<\/i>, wozu bedarf es dann einer <i>proletarisch-sozialistische Regierung<\/i>? Worin soll ihre Aufgabe bestehen? Trotz allem gesagten l\u00e4sst Luxemburg daran keinen Zweifel; es geht um die \u201eVerwirklichung des Sozialismus\u201c !? Die Bolschewiki \u201ehaben sich [\u2026] das unverg\u00e4ngliche geschichtliche Verdienst erworben, zum erstenmal die Endziele des Sozialismus als unmittelbares Programm der praktischen Politik zu proklamieren\u201c.<\/p>\n<p>Dieser Widerspruch, die Ambivalenz \u2013 Verwirklichung des Sozialismus, obwohl die Masse der Bauernschaft daran (zun\u00e4chst) kein Interesse daran hat \u2013 lag zum Zeitpunkt der Niederschrift des Textes in der objektiven Situation. Seinerzeit konnten alle Revolution\u00e4re:innen, Rosa Luxemburg also einbegriffen, diese reale Problemstellung offensiv also nach vorne l\u00f6sen. Sie alle konnten mit vollster Berechtigung hoffen, dass das Problem durch die zu erwartende internationale Revolution, vor allem die Revolution im Westen, sich er\u00fcbrigt: \u201eDie Revolution Ru\u00dflands war in ihren Schicksalen v\u00f6llig von den <i>internationalen<\/i> [Ereignissen] abh\u00e4ngig. Da\u00df die Bolschewiki ihre Politik g\u00e4nzlich auf die Weltrevolution des Proletariats stellten, ist gerade das gl\u00e4nzendste Zeugnis ihres politischen Weitblicks und ihrer grunds\u00e4tzlichen Treue, des k\u00fchnen Wurfs ihrer Politik\u201c.<\/p>\n<p>Unzweifelhaft waren auch die bolschewistischen F\u00fchrer im Jahr 1917 noch davon ausgegangen, mit ihrer Oktoberrevolution den Ansto\u00df f\u00fcr die Revolution im Westen zu geben. Es ging darum zun\u00e4chst die Macht zu halten, bis die Revolution im Westen siegen w\u00fcrde. Alle Zeugnisse aus dieser Zeit sind eindeutig, das Gerede von der &#8218;Gro\u00dfen Sozialistischen Oktoberrevolution&#8216; eine sp\u00e4ter gestrickte Legende, der &#8218;Aufbau des Sozialismus in einem Land&#8216; eine Losung die erst Jahre sp\u00e4ter entstand. Da der russische Bauer im <i>primitiven Kleinbetrieb [\u2026] technisch mit den Mitteln aus der Zeit der Pharaonen arbeitet<\/i>&gt; und die russische Industrie nur schwach entwickelt war und zus\u00e4tzlich vom Krieg zerst\u00f6rt war, konnte nur die Revolution im industriell viel weiter fortgeschrittene Westen die <i>proletarisch-sozialistische Regierung<\/i> in Russland retten. Das russische Proletariat sollte im B\u00fcndnis mit einem siegreichen Proletariat im Westen eine gemeinsame Industrieproduktion so planen und steuern, dass es der Masse der Bauernschaft eine attraktive Perspektive h\u00e4tte bieten k\u00f6nnen. Die <i>Mittel aus der Zeit der Pharaonen sollten<\/i> schnellstm\u00f6glich durch eine <i>Vereinigung der Industrie und der Landwirtschaft<\/i> \u00fcberwunden werden \u2013 auf sozialistischer Grundlage.<\/p>\n<p>Was <i>einer proletarisch-sozialistische Regierung <\/i>im r\u00fcckst\u00e4ndigen Bauernland Russland drohen w\u00fcrde, wenn die Revolution im Westen ausblieb, hatte Luxemburg bereits im August 1917, also <i>vor<\/i> der Machteroberung durch die Bolschewiki, bekundet: \u201eDie Diktatur des Proletariats ist in Ru\u00dfland \u2013 falls eine internationale Revolution ihr nicht rechtzeitig R\u00fcckendeckung schafft \u2013 zu einer bet\u00e4ubenden Niederlage verurteilt, gegen die das Schicksal der Pariser Kommune ein Kinderspiel gewesen sein d\u00fcrfte\u201c (Luxemburg, Spartacus 6, GW 4, online unter <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1917\/08\/brennidx.htm\">https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1917\/08\/brennidx.htm<\/a>)<\/p>\n<p>Auch in der etwas sp\u00e4ter verfassten <i>Zur russischen Revolution<\/i> h\u00e4lt sie an dieser komplett international gedachten Revolutionsstrategie fest. <i>In diesem Sinne<\/i> bekennt sie sich, trotz aller Kritik, zur Oktoberrevolution und l\u00e4sst sich sogar zu der Formulierung hinrei\u00dfen, dass <i>\u00fcberall dem Bolschewismus die Zunft geh\u00f6rt<\/i>. Im Gegensatz zu den Zauderern und Z\u00f6gerern der deutschen Sozialdemokratie, die lieber mit der junkerlichen Reichswehr paktierte, als mit den rebellierenden Arbeitern und Matrosen, war es tats\u00e4chlich das gro\u00dfe Verdienst der Bolschewiki, im Dienst der<i> internationalen Revolution<\/i> vorangegangen zu sein. Nicht zuf\u00e4llig also beginnt <i>Zur russischen Revolution<\/i> mit einer deutlichen Schelte f\u00fcr die SPD, speziell Kautsky und endet mit den Worten: \u201eIn diesem Sinne bleibt ihnen [den Bolschewiki, d. Verf.] das unsterbliche geschichtliche Verdienst, mit der Eroberung der politischen Gewalt und der praktischen Problemstellung der Verwirklichung des Sozialismus dem internationalen Proletariat vorangegangen zu sein und die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit in der ganzen Welt m\u00e4chtig vorangetrieben zu haben. In Ru\u00dfland konnte das Problem nur gestellt werden. Es konnte nicht in Ru\u00dfland gel\u00f6st werden. Und in diesem Sinne geh\u00f6rt die Zukunft \u00fcberall dem &#8218;Bolschewismus&#8216;.\u201c<\/p>\n<h2>Das Gef\u00e4hrliche beginnt dort, wo sie aus der Not die Tugend machen<\/h2>\n<p>Die vermeintliche Ambivalenz mit der Luxemburg den Bolschewiki und deren Machteroberung gegen\u00fcberstand, lag in der <i>objektiven Situation<\/i>: \u201e<i>Jede<\/i> sozialistische Partei, die heute in Ru\u00dfland zur Macht gelangt, <i>mu\u00df<\/i> eine falsche Taktik befolgen, solange sie als ein Teil der internationalen proletarischen Armee vom Gros dieser Armee im Stiche gelassen wird\u201c (Hervorhebungen im Original). Die objektive Situation in Russland war allerdings nur die eine Seite des Problems. Was die Bolschewiki aber daraus machten und vor allem, wie sie die aus der Not geborenen autorit\u00e4ren und oft barbarischen Ma\u00dfnahmen verallgemeinerten und zu allem \u00dcberfluss als Weiterentwicklung des Marxismus darstellten, etwas ganz anderes. Dieses Gebaren machte aus dem Scheitern der russischen Revolution ein vermeintliches Scheitern des Marxismus. Ein Problem was bis heute auf allen lastet, die sich positiv auf die communistische Theorie beziehen, obwohl diese mit den damaligen russischen Verh\u00e4ltnissen nicht (mehr) das geringste gemein hat. Auch diesbez\u00fcglich liest sich Luxemburgs Schrift noch einmal wie eine b\u00f6se Prophezeiung, auch wenn die Verfasserin kaum zu ahnen vermochte, welche Dimensionen dieser Missstand einmal annehmen sollte. Noch 100 Jahre nach Niederschrift dieser Zeilen lastet folgendes Ph\u00e4nomen wie ein Alp auf den Schultern des Marxismus:<\/p>\n<p>\u201eDas Gef\u00e4hrliche beginnt dort, wo sie [die Bolschewiki] aus der Not die Tugend machen, ihre von diesen fatalen Bedingungen aufgezwungene Taktik nunmehr theoretisch in allen St\u00fccken fixieren und dem internationalen Proletariat als das Muster der sozialistischen Taktik zur Nachahmung empfehlen wollen. Wie sie sich damit selbst v\u00f6llig unn\u00f6tig im Lichte stehen und ihr wirkliches, unbestreitbares historisches Verdienst unter den Scheffel notgedrungener Fehltritte stellen, so erweisen sie dem internationalen Sozialismus, demzuliebe und um dessentwillen sie gestritten und gelitten, einen schlechten Dienst, wenn sie in seine Speicher als neue Erkenntnisse all die von Not und Zwang in Ru\u00dfland eingegebenen Schiefheiten eintragen wollen, die letzten Endes nur Ausstrahlungen des Bankerotts des internationalen Sozialismus in diesem Weltkriege waren\u201c.<\/p>\n<p>Bereits wenige Jahre nach Luxemburgs Warnung wurde die aus den <i>fatalen Bedingungen aufgezwungene Taktik<\/i> der Bolschewiki unter dem Titel &#8218;Marxismus-Leninismus&#8216; kanonisiert. Die Kommunistische Internationale wurde genutzt um alle Kommunistischen Parteien zu &#8218;bolschewisieren&#8216;, ihnen die neue Doktrin zu oktroyieren. Es kann nur als tragisch bezeichnet werden, dass innerhalb der Internationalen neben der KPdSU ausgerechnet die von Luxemburg kurz vor ihrer Ermordung mitbegr\u00fcndete KPD dabei eine f\u00fchrende Rolle spielte.<\/p>\n<p>Das Wesen der sozialistischen Gesellschaft besteht darin, da\u00df die gro\u00dfe arbeitende Masse aufh\u00f6rt, eine regierte Masse zu sein, vielmehr das ganze politische und wirtschaftliche Leben selbst lebt und in bewu\u00dfter freier Selbstbestimmung lenkt<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis der Ostblockkommunist:innen zu Rosa Luxemburg blieb paradox. Als M\u00e4rtyrerin, die in der deutschen &#8218;Revolution&#8216; ermordet wurde, erfuhr sie Ehrerbietung und Verehrung. Als Theoretikerin dagegen wollte man ihr Werk am liebsten verschwinden lassen, was vor allem an der Tatsache lag, dass ihre antiautorit\u00e4ren Vorstellungen von sozialistischer Revolution und Freiheit weder mit der leninistischen Theorie, noch mit dem Alltag im Ostblock zusammenging.<\/p>\n<p>Karl Marx starb 34 Jahre vor der Oktoberrevolution und hatte somit keine M\u00f6glichkeit, die Revolution, die sich stets auf ihn bezog, zu kritisieren. Rosa Luxemburg wurde immerhin Zeitzeugin der bolschewistischen Machteroberung und formulierte die dargelegten zentralen Kritikpunkte <i>Zur russichen Revolution<\/i>. Obwohl Luxemburgs Ansichten in allen entscheidenden Punkten entschieden kompatibler zu Marx theoretischen Auffassungen stehen, als diejenigen der Bolschewiki, vollbrachten diese das Kunstst\u00fcck, sich ohne mit der Wimper zu zucken auf Marx Theorie zu berufen, dagegen aber das &#8218;Luxemburgianertum&#8216; zu kritisieren.<\/p>\n<p>Beim langj\u00e4hrigen Vorsitzenden der Kommunistischen Internationale, Sinowjew, klang das folgenderma\u00dfen: \u201eOhne eine \u00dcberwindung der Irrt\u00fcmlichen Seiten des Luxemburgianertums ist eine wirkliche Bolschewisierung unm\u00f6glich. Allein der Leninismus vermag zum Leitstern kommunistischer Parteien der ganzen Welt zu werden. Alles was vom Leninismus abweicht, stellt auch eine Abweichung vom Marxismus dar\u201c. (Sinowjew: \u00dcber die Bolschewisierung der Parteien. Reden vor der Erweiterten Exekutive, M\u00e4rz\/April 1925, Hamburg 1925, S. 102, 104, online:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/publikation\/id\/40066\">https:\/\/www.rosalux.de\/publikation\/id\/40066<\/a>)<\/p>\n<p>Auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Kommunistische Internationale bereits aufgel\u00f6st und Sinowjew selber als &#8218;Verr\u00e4ter&#8216; liquidiert war, galt diese Linie weiterhin. Fred Oel\u00dfner, seines Zeichens SED Chefideologe ver\u00f6ffentlichte 1952 &#8218;eine kritische Biographische Skizze&#8216; zu Rosa Luxemburg, in welcher er auf die Schrift <i>Zur russischen Revolution<\/i> einging. Zwei gut ausgew\u00e4hlte Zitate, die wir bereits weiter oben im Text kennengelernt haben, hebt er dabei hervor: \u201eIn Ru\u00dfland konnte das Problem nur gestellt werden. Es konnte nicht in Ru\u00dfland gel\u00f6st werden\u201c. Au\u00dferdem: \u201eWir alle stehen unter dem Gesetz der Geschichte, und die sozialistische Gesellschaftsordnung l\u00e4\u00dft sich eben nur international durchf\u00fchren\u201c. Diesem weit- und scharfsichtigen Ausblick von Luxemburg h\u00e4lt Oel\u00dfner (1952, S. 184f.) entgegen: \u201eAuch in dieser Frage hat die Geschichte nicht Rosa Luxemburg, sondern den Bolschewiki, Lenin und Stalin recht gegeben. Die Oktoberrevolution blieb siegreich, der Sozialismus wurde aufgebaut, und das Sowjetvolk hat heute erfolgreich den \u00dcbergang zum Kommunismus eingeleitet\u201c \u2013Kein Kommentar.<\/p>\n<p>Christian Hofmann<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\"><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Alle hier nicht anders gekennzeichneten Zitate beziehen sich auf genanntes Manuskript. In Luxemburgs Gesammelten Werken ist der Text in Band 4 abgedruckt, im <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1918\/russrev\/index.htm\">Internet<\/a> frei verf\u00fcgbar, wenn auch versehen mit den uns\u00e4glichen und unw\u00fcrdigen SED konformen Anmerkungen aus dem Jahr 1974.<\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sozialistische Demokratie beginnt aber nicht erst im gelobten Lande, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen ist, als fertiges Weihnachtsgeschenk f\u00fcr das brave Volk, das inzwischen treu die Handvoll sozialistischer Diktatoren unterst\u00fctzt hat. Sozialistische Demokratie beginnt zugleich mit dem Abbau der Klassenherrschaft und dem Aufbau des Sozialismus. 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