Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

Von Sachzwängen, Ideologie und Empirie

Die Süddeutsche Zeitung zu Klimakatastrophe, Fleischindustrie und Wirtschaftswachstum

Das wir in dramatischen Zeiten leben ist längst im Mainstream angekommen. Wer dafür noch empirische Belege sucht, dürfte in der fachkundig geschriebenen Rubrik ‚WISSEN‘ der Süddeutschen Zeitung regelmäßig fündig werden. Nehmen wir beispielhaft die Wochenendausgabe vom 20./21. Juni 2020 zur Hand: „Will man die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen – so wie im Pariser Vertrag angestrebt – blieben der Menschheit weniger als neun Jahre, bis sie gar kein CO2 mehr emittieren darf. Um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, hätte man noch 25 Jahre Zeit, um klimaneutral zu werden“. 1,5 Grad oder 2 Grad, was lapidar klingen mag, macht einen enormen Unterschied, wie selbiger Artikel noch einmal herausstellt: „So zeigen Berechnungen, dass Grönland wohl bei einer Erwärmung um 1,8 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit einen Kipppunkt erreichen könnte, ab dem die Insel abtaut. Über die nächsten Jahrtausende dürfte dann immer mehr Eis ins Meer fließen, was für einen Meeresspiegelanstieg von sieben Metern sorgen würde“ – richtig gelesen, der nächsten Jahrtausende !!! Und natürlich ist da nicht nur Grönland; „Klimaforscher haben noch weitere solche ‚Kippelemente‘ im Verdacht, unaufhaltsame Ereignisse im Klimasystem auszulösen, sobald ein bestimmter Punkt überschritten ist […]“. Die nächsten Jahre entscheiden über den Ablauf der unaufhaltsamen, oder wie Rezo vor gut einem Jahr mehrfach erstaunt in seinem sagenumwobenen YouTube-Statement wiederholte, irreversiblen Prozesse. Nicht zu unrecht hält die Süddeutsche in der Rubrik ‚WISSEN‘ fest: „Vielleicht noch nie in der Geschichte hatte eine Generation so große Macht, den Verlauf der nächsten Jahrhunderte und Jahrtausende zu prägen“!!!

Mit diesem empirischen ‚WISSEN‘ über die drohende Klimakatastrophe wird der Leser respektive die Leserin der Süddeutschen dann aber alleine gelassen. Es ist nicht so, wie man eigentlich vermuten müsste, dass diese Erkenntnisse die Leitlinie des Blattes prägen und damit auch in anderen Rubriken dominieren würde. Die Mobilitätswende oder den Kohleausstieg zu beschleunigen ist noch das mit Abstand intelligenteste, was dem liberalen Blättchen des aufgeklärten deutschen (Klein)Bürgertums ab und an in den Sinn kommt.

Damit der Ton auf ihren Seiten schärfer wird, muss es schon mal richtig dicke kommen. Etwa wenn die Corona-Infektionszahlen die skandalösen Arbeitsbedingungen in der deutschen Fleischindustrie offenlegen. Dann kann auch die gestandene SZ-Kommentatorin mal richtig giftig werden. So geschehen am Montag, den 22. Juni 2020: „Noch immer behauptet der Fleischfabrikant Tönnies, dass es ihm um die Menschen, die Stadt, den Landkreis gehe“. Aber, so schimpft die Kommentatorin im Politikteil der Zeitung „Tönnies geht es offenkundig nicht um die Menschen, sondern in erster Linie um Profit und die Firma, die nun in ihrer Existenz bedroht ist.“ Kruzifix und sapperlot – wenn diese Form des Investigativjournalismus vertieft werden sollte, könnte die Zeitung noch auf die Tatsache stoßen, dass der gnadenlose Mechanismus der Profitmacherei und die zwingende Logik des Geldes unser gesamtes gesellschaftliches Handeln bestimmen. Denn was bei Tönnies besonders perverse Formen angenommen hat, ist die Jagd nach Profit – das Lebenselixier dieser Wirtschaftsweise und die Triebkraft hinter allen sozialen Verwerfungen und dem drohenden ökologischen Kollaps (Vgl. Broistedt/Hofmann 20201)Im Juli 2020 erscheint von Christian Hofmann und Philip Broistedt „Goodbye Kapital“ im PapyRossa Verlag.).

Aber bevor der kritische Leser und die kritische Leserin der Süddeutschen aufgerüttelt durch das ‚WISSEN‘ vom Wochenende und den Kommentar aus dem Politikteil vom 22. Juni darauf kommen könnte, muss er, bzw. sie sich noch durch den Wirtschaftsteil der Zeitung kämpfen. Dort kam, ebenfalls am 22. Juni 2020, der Chefvolkswirt der Commerzbank zu Wort, um einmal Tacheles zu reden. Unumwunden räumt er zunächst ein: „Ohne Frage zahlen die meisten Unternehmen zu wenig oder gar nichts für den Ausstoß schädlichen Kohlendioxids. Entsprechend gehen sie bei der Produktion verschwenderisch mit der Umwelt um“. Soweit, so bekannt. Was dann aber folgt ist die vollkommen freimütige Erzählung, warum sich innerhalb dieses Wirtschaftssystems nichts grundlegendes mehr ändern wird, zumindest nicht in dem Zeitraum, welcher geboten wäre um die ökologische Katastrophe zu verhindern. Schließlich wäre eine klimapolitische Kehrtwende vom Blickwinkel seiner Disziplin geradezu verrückt: Denn dann „müssen sich Unternehmen aus der Produktion von Gütern zurückziehen, bei denen sie sich über Jahrzehnte auf dem Weltmarkt Spezialisierungsvorteile aufgebaut und entsprechend hohe Einkommen erzielt haben, die sie als Gewinne oder Löhne an die Eigner oder Beschäftigten auszahlen“. Außerdem gibt „es weltweit keine einheitliche Klimapolitik […]. Dürfen die Unternehmen in einem anderen Land aber weiter das Klima belasten, können sie billiger produzieren“. Und daraus folgt dann mit einer in sich geschlossenen Konsequenz: „In dieser Lage eine Forcierung der Klimapolitik zu fordern, ist gefährlich“.

Es dürfte nicht wenige Leserinnen und Leser der Süddeutschen geben, die es als großen Vorzug ihres Lieblingsblättchens bezeichnen würden, innerhalb von nur drei Tagen so unterschiedliche und kontroverse Inhalte zu publizieren: Fakten zur Klimakrise, politisch-ideologische Empörung zur Fleischindustrie und ökonomische Weisheiten von einem Banker. Wenn man aber solch weichgespülte Nonsens-Phrasen des zeitgenössischen Liberalismus einmal beiseite lässt, alle genannten Artikel nebeneinanderlegt und jeden für sich ernst nimmt, drängen sich andere Gedanken bezüglich des Empirismus der Fachgebiete auf:

Obwohl wir von einem Zeitfenster zwischen neun und 25 Jahren reden, welches bleibt um katastrophale und irreversible Veränderungen für die nächsten Jahrtausende abzuwenden, heißt es im Wirtschaftsteil „In dieser Lage eine Forcierung der Klimapolitik zu fordern, ist gefährlich“. Dabei ist das Problem natürlich nicht, dass dieser Satz in der Zeitung steht, sondern dass genau dieser Satz das tatsächliche Handeln dieser Gesellschaft und der PolitikerInnen als Ihrer RepräsentantInnen wiedergibt. Innerhalb des Fachgebietes der ‚Wirtschaft‘ ist es für einen ‚Chefvolkswirt‘ ein rationaler Satz und prägt weit darüber hinaus alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Denn die Jagd nach dem nächsten Geldgewinn ist das Alpha und Omega unserer Produktionsweise. Was also folgt aus unserem neuerworbenen ‚WISSEN‘ vom Wochenende? Wie war es doch gleich? „Vielleicht noch nie in der Geschichte hatte eine Generation so große Macht, den Verlauf der nächsten Jahrhunderte und Jahrtausende zu prägen“. Aber ein bisschen ideologisch-kritische Empörung in Politik oder im Politikteil einer Zeitung nützen hier gar nichts. Die Rationalität des Chefvolkswirts ist irrational, was die Zukunft der Menschheit betrifft. Wer das Leben der eigenen Kinder, Enkel und künftigen Generationen noch positiv wenden möchte kann sich nicht damit begnügen die Süddeutsche zum Altpapier zu bringen sondern muss daran mitwirken die Gesellschaft der Profitmacherei schnellstmöglich auf den Komposthaufen der Geschichte zu befördern!

Chris

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1. Im Juli 2020 erscheint von Christian Hofmann und Philip Broistedt „Goodbye Kapital“ im PapyRossa Verlag.

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