Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

Marx und Engels über das reaktionäre Preußentum

An dieser Stelle ein höchst interessantes Dokument zur deutschen Geschichte zum Download. Es wurde von einem Autorenkollektiv erarbeitet, erschien erstmals 1942 in Moskau und wurde danach ins Deutsche übersetzt. Mitten im II. Weltkrieg gingen die Autoren der damals entscheidenden Frage nach, wo die Ursprünge und Wurzeln der deutschen (Leidens)Geschichte lagen. Schließlich verkörperte „der Hitlerismus […] alle besonders reaktionären Züge des Preußentums in höchstem Grade: den Kult der rohen, zügellosen Gewalt, die Forderung nach knechtischer Unterordnung, die Einführung des preußischen Militärdrills und der Stockdisziplin in die Armee, Treubruch und Provokation in der Innen- wie in der Außenpolitik“ (siehe PDF, Seite 3).

Interessant an der Arbeit des Autorenkollektivs ist nun, dass sie in ihrer Analyse sehr weit in die Geschichte zurück gehen, und die deutsche Misere seit der Reformation und dem Bauernkrieg nachzeichnen können. Dabei stützen sie sich vornehmlich auf fleißig und akribisch zusammengestellte Textstellen von Karl Marx und Friedrich Engels. Beides seinerzeit ein Novum. Schließlich wurde der deutsche Faschismus im „Marxismus-Leninismus“, der seinerzeitigen Staatsdoktrin des „real existierenden Sozialismus“, ansonsten immer mit Lenins Imperialismusschrift, bzw. mit der aus dieser abgeleiteten These von Georgi Dimitroff erklärt und definiert. In Dimitroffs Rede „Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus“ definierte dieser den Faschismus an der Macht als „die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“.

Da das „Finanzkapital“ im „Marxismus-Leninismus“ aber überall herumspukte und sogar als „höchstes Stadium des Kapitalismus“ bezeichnet wurde, kann man mit diesen Herangehensweisen rein gar nichts erklären, am wenigsten über die Besonderheiten der deutschen Geschichte. Und auch wenn die DDR, in welcher Lenin und Dimitroff kanonisiert wurden, seit bald 30 Jahren der Vergangenheit angehört, ist ihr geistiges Erbe noch immer nicht überwunden.

Zwar ist der Linken in Deutschland bewusst, dass sie mit der Geschichte dieses Landes eine schwere Last mit sich herumträgt, wo allerdings deren Ursachen liegen bleibt meistens unhinterfragt1)Am deutlichsten ist dies wohl bei der „antideutschen Linken“. In Anbetracht der deutschen Geschichte ist es so logisch wie sympathisch, „antideutsch“ sein zu wollen. Aber wenn man sich schon einen solchen Namen gibt, hätte es erstes Gebot sein müssen, zu erkunden, was dass spezielle am „deutschen“ ist, das man da ablehnt. Statt diese alles entscheidende Frage aufzuwerfen und zu beantworten haben es die „Antideutschen“ vor allem zu einer hochgradig moralisch aufgeladenen schwarz-weiss Sicht des Nahostkonfliktes gebracht. Das ihr Pendant, die „Antiimperialisten“, hier nicht besser sind, kann schon stimmen, entschuldigt aber nichts.. Natürlich kann man es sich leicht machen und jeden geistigen Dünnpfiff von Rechts als den neuen Faschismus brandmarken. Das ist dann allerdings mehr ein moralisches verurteilen, denn eine Analyse.

Wer dagegen politikfähig werden will, müsste schon genauer hinschauen um zu sehen, welche Themen heute von wem in der neuen Rechten besetzt werden und wo diese jeweils bei welchen Klassen und Klassenfraktionen damit punkten. Bezogen auf die Geschichte müsste man in diesem Zusammenhang die Frage aufwerfen, welche besonderen Merkmale die deutsche Geschichte hatte und welche Klassen hierbei die Schlüsselrolle spielten.

Die Schrift „Marx und Engels über das reaktionäre Preußentum“ könnte ein guter Einstieg zur Beantwortung der historischen Fragen sein. Natürlich ist dabei zu berücksichtigen, dass es sich um ein Zeitdokument handelt. Dass bei vermutlich jeder Schrift die 1942 in Moskau veröffentlicht wurde, Lenin und Stalin zitiert und gewürdigt werden mussten, ist den Umständen der Zeit, bzw. des Ortes, zu verschulden. Ebenso die Tatsache, dass dabei ab und an die damals gängigen Worte von Lenins „Imperialismus“, dem „Finanzkapital“ oder dem „monopolistischen Großkapital“ fielen. Wer sich davon allerdings nicht gleich abschrecken lässt, wird schnell feststellen, dass das „Autorenkollektiv“ weit mehr über die deutsche Geschichte verstanden hatte, als diese Worte vermuten lassen. Denn Grundgedanke des gesamten Textes ist die fehlende bürgerliche Revolution in der deutschen Geschichte; die schwache Bourgeoisie und die starken Verharrungsmomente der vorbürgerlichen Gesellschaft sowie die große Macht ihrer vormodernen Klassen und Schichten; die feudalen Großgrundbesitzer, speziell das ostelbische Junkertum.

Marx selbst wäre wahrscheinlich erstaunt gewesen, wie sehr er mit einer Aussage Recht behalten sollte, die er dem deutschen Publikum 1867 im Vorwort zum ersten Band des Kapitals ins Stammbuch geschrieben hatte: Es „quält uns, gleich dem ganzen übrigen kontinentalen Westeuropa, nicht nur die Entwicklung der kapitalistischen Produktion, sondern auch der Mangel ihrer Entwicklung. Neben den modernen Notständen drückt uns eine ganze Reihe vererbter Notstände entspringend aus der Fortvegetation altertümlicher, überlebter Produktionsweisen, mit ihrem Gefolg von zeitwidrigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Wir leiden nicht nur von den Lebenden, sondern auch von den Toten.“ (MEW 23, S. 12). Diese vermeintlich Toten haben dann für weitere 80 Jahre die entscheidenden Wendepunkte der deutschen Geschichte geprägt.

chris

   [ + ]

1. Am deutlichsten ist dies wohl bei der „antideutschen Linken“. In Anbetracht der deutschen Geschichte ist es so logisch wie sympathisch, „antideutsch“ sein zu wollen. Aber wenn man sich schon einen solchen Namen gibt, hätte es erstes Gebot sein müssen, zu erkunden, was dass spezielle am „deutschen“ ist, das man da ablehnt. Statt diese alles entscheidende Frage aufzuwerfen und zu beantworten haben es die „Antideutschen“ vor allem zu einer hochgradig moralisch aufgeladenen schwarz-weiss Sicht des Nahostkonfliktes gebracht. Das ihr Pendant, die „Antiimperialisten“, hier nicht besser sind, kann schon stimmen, entschuldigt aber nichts.

assoziation.info Februar '20